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Kamininterview mit Estéban Cortez
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©Estéban Cortez, Kollage

Estéban Cortez – ein Barde unserer Zeit

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Estéban Cortez verarbeitet seit der Zeit der traumatischen Corona-Maßnahmen die gesellschaftlichen und persönlichen Brüche jener Jahre. Seine Lieder sind heiter wie  „Von Gendertoiletten und Fahrradwegen“, ironisch, kämpferisch wie das Lied „Du musst nicht“, politisch inkorrekt und geprägt von scharfer Gesellschaftskritik wie jüngst in „Meinungsdelikt (… und dann bist Du dran)“.
Zusammengefasst

Mit exklusiver offizieller Erstveröffentlichung des neuen Liedes „Berlin, Berlin (ick kann nur noch vor dir fliehn)“, freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Estéban Cortez.  

Dieses Interview als Audio

Haintz Media: Guten Tag, Moin, bei mir sitzt Estéban Cortez, ein Self-made-Künstler, der in den letzten Jahren zu dieser Berufung gekommen ist, der in Deutschland unterwegs ist auf Montagsdemos, in Kneipen, in Clubkonzerten und der zur Musik gekommen ist durch politisches Engagement und das Gefühl, irgendetwas läuft in diesem Land nicht richtig.

Estéban, Du bist jetzt eigentlich erst in der Zeit der staatlichen Corona-Maßnahmen überhaupt zum Musiker geworden. Dieser Weg, diese Karriere ist zu Dir gekommen, eher als dass Du das gesucht hättest. 

Estéban Cortez: Ich hab´s nicht gesucht, ich hab´s mir auch nicht ausgesucht. Das war damals tatsächlich so, dass man uns zuhause eingesperrt hat und ich da so sauer war, weil ich mir dachte, das geht nicht mit rechten Dingen zu, irgendwas stimmt hier nicht. Da stand dann die Gitarre in der Ecke und ich dachte mir: Das ist jetzt ne Möglichkeit, zu der du greifen kannst. Du kannst jetzt mal ein Lied darüber schreiben. Und das habe ich dann gemacht, ich hab den ganzen Frust dann in ein Liedtext gepackt und hab´s dann aufgenommen und hab´s dann bei YouuTube hochgeladen. Da war ich ja nicht davon ausgegangen, dass das irgendjemand gut findet. Das war ja mehr so für mich, um mich da irgendwo auszudrücken und zu sagen, das passt mir nicht, was hier gerade passiert. Und das hat der eine oder andere dann scheinbar ganz gut gefunden und so kam dann eins zum andern. 

Haintz media: Und Du greifst Themen auf wie Beschneidung der Grundrechte, staatliche Willkür, Diffamierung anderer. War dann der musikalische Ausdruck Dein Weg,  mit diesem ganzen Wahnsinn klarzukommen? War das ein Ventil für Dich oder ist es das auch immer noch?

Estéban Cortez: Das ist es auf jeden Fall. So war es damals und so ist es auch immer noch. Es ist ja jetzt nicht so, dass es viel besser geworden wäre. Es ist ja im Gegenteil. Wir waren dann auf der Straße und wir haben unseren Unmut bekundet und es ist alles in vielen Punkten viel schlimmer geworden. Gerade, was so die Meinungsfreiheit angeht. Was die Politik insgesamt angeht. Wirtschaftlich. Bildungstechnisch, das ist eine riesengroße Baustelle. Wir haben Lehrermangel ohne Ende, es kommt kein Nachwuchs, Fachkräftemangel sowieso und man sieht nicht, dass sich da irgendwas dagegen tut. 

Haintz media: Wie sieht Dein derzeitiger „Roadtrip“, wie Du ihn nennst, aus? In welche Städte führt er Dich und wie oft und wieviel bist Du „on the road“?

Estéban Cortez: Es ist alles ein bisschen ruhiger geworden. Damals, in den Coronahochzeiten war ich ja an jedem Montag in irgendeiner anderen Stadt und wir haben da wirklich richtig gerödelt. Da ging´s dann drei Stunden runter nach Chemnitz oder nach Zwickau oder nach Dresden und dann nachts wieder zurück und am nächsten Morgen dann wieder zur Arbeit mit so kleinen Augen. Das machen wir heute natürlich nicht mehr, weil´s schlaucht. Und ich glaube, das geht allen so, dass man nicht mehr so viel powern kann nach so langer Zeit und man kann´s, glaube ich, auch von niemandem erwarten. Und wir nutzten die Wochenenden auch mehr für kleine Runden, für ein Kneipenkonzert, und das geht mehr in die Richtung, dass wir das mehr so für uns machen, also für uns als Gemeinschaft, dass man den Leuten eben auch was zurückgibt. Ich hab da sehr viel Spaß dran, ich glaub die Leute haben da auch sehr viel Spaß dran. Und natürlich, die eine oder andere Montagsdemo ist immer noch dabei, weil es immer noch Widerstandsnester gibt, die nach wie vor jeden Montag noch auf der Straße sind oder jeden zweiten Montag oder jeden Monat. Und das muss man unbedingt unterstützen. Weil, das ist dann auch wie in Familie, weil´s ein kleinerer Kreis ist, aber man kennt sich dann schon und man erkennt sich. Und das ist dann immer ne ganz, ganz tolle Gemeinschaft. 

Haintz media: In Liedern wie „Annalena“ oder auch „Karl“, zeigst Du Dich von Deiner komödiantischen Seite. Andererseits hast Du ziemlich deutliche, und intensive, nachdenkliche Stücke wie zum Beispiel „Jenny hat nen neuen Stecher“. Und Du machst ja häufig auch Clubkonzerte eher als dass Du für YouTube spielst. Wie wichtig ist für Dich diese Interaktion mit dem Publikum? 

Estéban Cortez: Am Anfang ging es ja nur darum, dass ich mich irgendwie ausdrücke, dass ich meinen ganzen Frust abladen kann, dass ich den nach außen schreie. Und klar, da waren dann auch komödiantische Stücke dabei, weil über vieles kann man nur lachen. Und das war ja mit „Annalenchen“, war´s ja damals so, das war genau der Tag, an dem die da zur Kanzlerkandidatin “gekrönt“ wurde und ich mir dachte: Leute, das kann doch nicht euer Ernst sein; auch wenn ihr bei den Grünen seid, aber ein bisschen Seriösität muss doch noch dabe sein. Und dann ist das Ding in einer halben Stunden am Küchentisch fertig geworden. Dass ist dann natürlich richtig eingeschlagen, hätte ich auch nicht erwartet. Ja, und das wird dann auch von den Leuten gefeiert. Und die Leute sind natürlich lieber heiter als traurig. 

Aber manchmal geht´s dann halt auch nicht anders, da muss man dann auch den Finger in die Wunde legen und die Sachen dann auch einfach benennen . Es ist so vielfältig, wie die Gefühltwelt nunmal ist, ob das bei mir ist oder bei den Leuten, die dann im Konzert sitzen. Und wenn die dann mitgehen, dann ist das eine unendlich schöne Sache. Ja, wir haben es ja gestern im Schwentinental erlebt, wie die Leute wirklich andächtig drei Stunden einfach nur zuhören und das ist echt ne Wahnsinnserfahrung. Dann sind wieder Lieder dabei, wo alle mitgehen können, wo alle klatschen und jubeln und das ist halt die Mischung, die es einfach macht, wie das Leben so ist. 

Haintz media: Ist denn der Eindruck richtig, dass Du heute noch eindringlider als zu Anfang dazu aufrufst: Geht auf die Straße, erhebt eure Stimme? Die Themen haben sich ja verschoben, aber der Druck ist geblieben. Du singst irgendwo: wir stehen nicht mehr daneben, wir stehen auf.

Estéban Cortez: Ich weiß nicht, in wieweit man noch Leute erreichen kann. Weil die, die man erreichen kann, die, glaube ich, haben sich schon alle zusammengefunden. Das ist natürlich bei vielen sehr viel ruhiger geworden, die sind nicht jeden Montag mehr auf der Straße und demonstrieren, die haben sich vielleicht auch so ein bisschen ins Private zurückgezogen, weil die wissen natürlich, wie der Hase läuft. Und ich glaube, man muss niemandem erklären, wie der Hase läuft hier in diesem Land. Die, die es verstehen wollen, die haben es schon verstanden, und ich glaub, das war auch nie der Anspruch, da irgendjemanden zu belehren oder zu erziehen, sondern einfach zu sagen: So geht´s mir, vielleicht geht´s ja euch auch so. Und ich glaube, da hat man dann ganz schnell einen Draht zueinander, wenn man sich in einer ähnlichen Situation befindet. Und viele sagen ja zu mir immer wieder „Du singst uns aus der Seele“. Und da sehe ich ja: das geht nicht nur mir so, das geht anderen ganz genauso. Und das ist doch ganz schön, wenn man sich da austauschen kann und wenn man erkennt, man ist da nicht alleine. So war da ja mit dem Lied „Bekenntnis“, das war ja mehr als innere Offenbarung, als Dankeschön an die Leute gedacht, mit denen man schon seit fünf Jahren an einem Strang zieht. Da einfach nochmal Danke zu sagen, dass man sieht, man ist nicht allein. Ich bin ja von Stadt zu Stadt dann gezogen an den Montagen, wie gesagt, und das hat mir auch unheimlich viel gegeben, zu sehen, ja, es geht vielen, vielen anderen so. Und wer jetzt jeden Montag in derselben Stadt, in seiner eigenen Stadt unterwegs gewesen ist, der hat´s vielleicht nicht gesehen, dass es überall so ist. Und diese Gemeinschaft ist wesentlich größer, als man sich das vielleicht vorstellen kann. 

Haintz media: Das hat man gestern ja auch gemerkt, dass die Menschen absolut das Gefühl hatten, die Themen, die Du aufgreifst, die Art und Weise und was Du besingst, das spricht einem wirklich aus der Seele. Ich glaube, Sozialismus hat Deutschland noch nie gut getan, egal, in welcher Ausrichtung, dieser Sozialismus ist. Du hast ja den Mauerfall auch selber miterlebt. Welche Bedeutung misst Du dem bei, dass die Menschen damals auf die Straße gegangen sind? Wie hast Du das erlebt und siehst Du das so, manche sagen ja so wie eine Art Déja vu, wir sind irgendwie nicht vorangekommen, sondern es geht wieder zurück. 

Estéban Cortez: Ich kann es nur aus der Retrospektive betrachten. Ich war zehn, als die Mauer gefallen ist, ich hab´s nicht bewusst wahrgenommen. Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen und da hat es jetzt nicht so eine vordergründige Bedeutung gespielt. Klar, alle haben sich gefreut, irgendwann ist man dann nach Westberlin gefahren, hat sich das alles mal angeguckt und das waren Erlebnisse, die vergisst man auch nicht, das muss ich wirklich sagen. Aber so in dem großen Kontext kann man das als Kind natürlich nicht sehen. Ich habe ich im Nachhinein eine Menge damit beschäftigt, hab ja Geschichte studiert und da hat es eine riesengroße Rolle gespielt. Und da denke ich, kann ich mir anmaßen, schon zu sagen, ich weiß, was da abging, und ich weiß, was da heute abgeht. Man kann Dinge nicht gleichsetzen, aber man kann sie vergleichen, und vieles kommt einem doch wieder sehr, sehr bekannt vor. Was die Geschichten damals angeht, was die Mauer letztendlich zu Fall gebracht hat, was die Leute auf die Straßen getrieben hat. Und heute sind´s viele Sachen, die einen an diese Zeit dann erinnern. Allerdings ist es immer nur Stück für Stück gekommen. Wie der Frosch halt im heißen Wasser – die Leute haben´s dann eben immer weiter akzeptiert. Man sieht´s jetzt zum Beispiel an den Spritpreisen. Der Sprit schießt hoch, die Kosten, dann geht´s wieder ein bisschen runter und schon sind alle wieder froh. Das ist halt diese perfide Methode, die in allen anderen Bereichen auch angewendet wird. Was die Einschränkung der Freiheitsrechte, der Grundrechte angeht, also erstmal kommt der Schlag, dann wird wieder ein bisschen zurückgefahren und am Ende haben sich die Leute wieder dran gewöhnt und dann ist man schon ein Stückchen weiter. Und da kann man nicht aufhören, da immer wieder drauf hinzuweisen und zu sagen: Leute, das funktioniert so nicht, das kann nicht sein.

Haintz media: Gestern hat Dich ein Freund treffend, als einen „Barden unserer Zeit“ beschrieben. Ich würde Dich auch in der Traditon der „alten Liedermacher“ sehen, von denen Du auch singst, sie waren viel wacher, als heute die Liedermacher und als dieselben Liedermacher heute sind. Würdest Du Dich in dieser Tradition stehend gut beschrieben finden?

Estéban Cortez: Es ist auf jeden Fall ein riesengroßes Kompliment. Klar, ich kreide denen natürlich auch an, dass die ihre Stimmen heute nicht mehr erheben, aber, mein Gott, die Leute sind über 80 und haben sich größtenteils dann schon aufs Altenteil zurückgezogen. Aber dann sieht man sie doch wieder irgendwo aufploppen und dann geht´s wieder doch mit dem Mainstream eng zusammen, und da muss ich dann sagen: Muss das dann sein? Ja, die Zeiten ändern sich und die Leute ändern sich auch. Die Lieder von damals sind geblieben und die sind so aktuell wie eh und je. Man spielt die ab, und klar, das inspiriert einen natürlich auch. Und wenn mich da einer in die Reihe einsortiert, dann ist das ein unheimliches Kompliment. 

Haintz media: Die Thenen, die Du aufgreifst, die die Öffentlichkeit interessieren, sind wichtig und gut aufgenommen, wie es viele andere nicht tun. Ich möchte nochmal hinweisen auf die Friedenslieder. Das ist einmal Dein „Soldatengebet“ und das ist andere? 

Estéban Cotez: „Friedensangebot“, genau. Das ist damals ziemlich zeitig entstanden. Da war gemünzt auf die Demos in Berlin, die so brutal auseinandergetrieben wurden mit Wasserwerfern. Und das habe ich ja gestern auch wieder gesehen, da waren viele damals dabeigewesen und da sind natürlich auch alte Erinnerungen hochgekommen. Ich habe die Bilder damals nur im Fernsehen gesehen, weil ich wahrscheinlich noch nicht so weit war, um auf die Straße zu gehen, und war da wirklich schockiert. Ich glaube, das war dann im Jahr danach, hab ich das Lied dann aufgeschrieben. Das ist auch sehr gut angekommen, auf den Demos, wenn ich es spiele, das ist auch im Internet ganz gut rumgegangen. Man kann es immer wieder nutzen, um die entsprechenden Bilder mit diesem Lied zu unterlegen. Und ich glaube, das trifft´s auch. Well es natürlich nicht nur anklagend ist und mit dem Finger auf die Polizisten zeigt, die damals so rigoros vorgegangen sind gegen die Demonstranten, sondern weil´s eben auch ein Türchen offenlässt, um zu sagen: Hey, wir müssen uns doch alle irgendwie wieder zusammenraufen und versöhnen. Und ihnen auch immer wieder klar machen: ihr handelt eben nicht im Sinne des Volkes, ihr schlagt da einfach über die Stränge. Man kann es ein Stück weit damit erklären, die wollen ihr Einfamilienhaus irgendwie abbezahlen, die wollen ihren Job nicht loswerden. Aber irgendwann ist einfach auch die Grenze erreicht, da muss man sich selber die Karten legen, um zu sagen: ist das hier noch richtig, was ich hier mache? Und spätestens damals in Berlin im November spätestens hätte man als Polizist sagen müssen: ich mach da nicht mehr mit, ich kann das nicht mittragen.

Haintz media: Wenn Du auf Deinen Konzerten Lieder spielst, die eben die Zustände von vor 5 Jahren ansprechen wie: jetzt müssen wir den Sommer genießen, jetzt sind wir verwegen, jetzt gehen wir ins Kino und dann kommt wieder Arrest. Dann sind das Sachen, wo einerseits manche sagen: ach das ist ja jetzt schon eine Weile her. Aber im Gespräch bei uns kam auf, wie sehr einen das noch anfasst, wie sehr man merkt, das steckt immer noch in den Gliedern, diese Maßnahmen, was wir damals haben ertragen müssen. Das ist nicht vorbei, das ist immer noch in uns drin. Wie wichtig ist für Dich in diesem Zusammenhang das Thema Aufarbeitung? 

Estéban Cortez: Das ist es nämlich. Die Aufarbeitung fehlt und deswegen kann man mit dieser Sache eigentlich auch nicht abschließen. Viele, die sich damals haben überwältigen lassen von dem ganzen Gedöns … Wer will sich schon eingestehen, dass er übers Ohr gehauen wurde, dass er so dermaßen verarscht worden ist, das ist ja klar. Aber es  führt kein Weg daran vorbei, langfristig muss eine Aufarbeitung kommen und die findet ja auch schon statt. Es gibt ja jetzt sogar im Bundestag einen parlamentarischen Ausschuss, eine Enquête-Kommission. Es gibt in den Landtagen Untersuchungsausschüsse, die haben jede Menge Sachen zutage gefördert. Es gibt Gerichtsurteile, die mittlerweile auch bestätigt haben, was damals schief lief. Ich kann es für uns in Brandenburg sagen, das hat gegen die Landesverordnung verstoßen. Wir haben ja in Brandenburg eine Landesverfassung, die ist damals auch von den Brandenburgern so verabschiedet worden und das hat natürlich einen ganz enormen Stellenwert. Und es gibt dementsprechend auch ein Landesverfassungsgericht, was darüber wacht und das jetzt auch geurteilt hat, also Maskenpflicht im Freien und 2G-Regelung und sowas, das verstößt alles gegen die Landesverfassung. Und das ist aufgearbeitet, das liegt alles auf dem Tisch, die Experten sind gehört worden. Nur, wie kriegt man es in die Köpfe der Leute rein? Das scheint wenig zu interessieren. Ja, es fehlt quasi die Öffentlichkeit. Da sind natürlich die Medien gefragt, die nen Teufel tun, darüber überhaupt zu berichten. Die alternativen werden es natürlich machen, und deswegen muss man denen aber mehr Gehör verschaffen. Das ist ja das, was ich auch den Streamern auf den Demos immer wieder sage: Ihr seid unser Westfernsehen, was anderes haben wir nicht. Den Quatsch im öffentlichen Rundfunk, den kann sich nicht angucken. Und die Haltungsmedien, die braucht man auch nicht lesen, weil die ja zum größten Teil auch den Parteien gehören. 

Haintz media: Du hast uns freundlicherweise noch Dein Lied „Berlin, Berlin (ick kann nur noch vor dir flieh)“ zur Verfügung gestellt. Möchtest Du dazu noch etwas sagen?

Estéban Cortez: Das Lied ist eigentlich naheliegend. Ich hab ja eine ganze Weile in Berlin gearbeitet, damals im Studium immer wieder ist man reingefahren nach Berlin zum Feiern. Und ich hab ja auch gesehen, wie sich diese Stadt gewandelt hat. In den 2000-ern war das immer noch ein sehr angenehmer Ort, wo man abends da noch unterwegs sein konnte und ich habe auch schöne Erinnerungen daran. Das war ja eine spannende Zeit des Wandels. Dass dieser Wandel nur in eine Richtung gegangen ist, die man so nicht ertragen kann, ist ja eine andere Geschichte. Aber letztendlich ist es ja nicht nur ein Schmählied, das soll ja auch zeigen, dass mir auch die Stadt am Herzen liegt und dass ich auch immer wieder da gewesen bin und dass ich es unheimlich schade finde, was draus geworden ist und ich hab noch nicht einen getroffen, der gesagt hat: du singst da einen Mist, der stimmt überhaupt nicht. Viele Berliner sagen: ja, ganz genau so is es. Und das bestätigt mich dann natürlich auch wieder im Nachhinein. Und es ist teilweise lustig, es ist teilweise aber auch sehr, sehr bitter. Also ich musste ja eine Strophe zum Stromausfall zum Beispiel hinzufügen. Den hat ja ganz Deutschland am Fernsehen mitverfolgt und man hat gesehen, wie es da aussieht, Steglitz, Zehlendorf, alles ist dunkel, die Leute sitzen da um ihre Feuertonnen drum rum, Zustände, die wirklich dystopisch anmuten. Und letztendlich gabs auch dafür wieder keine Konsequenzen. Der Senat ist nach wie vor im Amt, der Regierende Bürgermeister ist unangetastet, wurde jetzt von der CDU glaube ich wieder aufgestellt zur Wahl und ist da Spitzenkandidat. Das wird einfach abgeschüttelt. Früher hat man die Konsequenzen gezogen, da ist man nach so ner Nummer dann zurückgetreten. Das ist heute völlig ausgeschlossen, das wird ausgesessen und alle zucken mit den Schultern und dann geht´s munter weiter in die nächste Krise. Ob das nun „Berlin, Berlin“ heißt oder „Hamburg, Hamburg“, die ganzen Metropolen, die nehmen sich da überhaupt nicht. 

Haintz media: Ich danke Dir für Dein Engagement, für das Interview, wünsche Dir weiter alles Gute und erhebe weiter die Stimme als Barde unserer Zeit.

Erste offiziellen Veröffentlichung des Liedes „Berlin, Berlin (ick kann nur noch vor dir fliehn):

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