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„La Tonca“ in Deutschland? Welcher Politiker wäre Ihr Kandidat für den Fluss?

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Wenn Politiker Versprechen brechen, Steuergelder verschwenden oder die Unwahrheit sprechen, denken wohl wenige: „Den möchte ich in einem Käfig in den kalten Fluss tauchen.“ Die italienische Stadt Trient vollführt dieses Spektakel jedes Jahr im Juni.
Zusammengefasst

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Screenshot »Norédine Benazdia«, La Tonca in Triente mit „Gegenfigur“

Die Strafzeremonie für schlechte Politik

Im italienischen Trient findet seit 1984 jährlich in der zweiten Junihälfte die „Feste Vigiliante“ statt, eine einwöchige Feier, mit der die Stadt ihren Stadtpatron, den Heiligen Vigilius, feiert. Alte Traditionen werden aufgegriffen und die Innenstadt in eine Art mittelalterliches Viertel mit altem Handwerk und Unterhaltung verwandelt. Die Feierlichkeiten enthalten u. a. einen Wettkampf, bei dem eine Polenta verteidigt werden muss, das „Wettrennen der Gänse“, ein Floßrennen auf der Etsch mit Prüfungen, einen historischen Umzug und ein kostenloses Frühstück auf dem Domplatz. Ein Bestandteil ist auch das Bußgericht mit der folgenden Tonca. Sie ist:

Eine komödiantische Darbietung, die auf der Piazza Fiera stattfindet und aus dem Prozess gegen einige Persönlichkeiten aus dem Trentino besteht, in der Regel lokale Politiker, die sich im Laufe des Jahres durch unangenehme Vorfälle hervorgetan haben. Die „Schuldigen“ werden in der Nachstellung einer alten Bestrafungsmethode zur „Tonca“, einer Wasserfolter, „verurteilt“.

Bei der Tonca, wurden die schuldig Gesprochenen, die im Laufe des letzten Jahres zu viele Fehler gemacht haben, vom Grünen Turm des Castello del Buonconsiglio aus in einem Käfig in den Fluss Etsch getaucht. Die meisten Verurteilten ertranken bei der Zeremonie. Wenn nicht, wurde ihnen Vergebung gewährt. Als klarer Gegner der Todesstrafe ist zu begrüße ich, dass die heutige Zeremonie vom „Verurteilten“ überlebt wird. Aufgrund einer Flusslaufänderung wird der Käfig heute von der Brücke San Lorenzo aus in den Fluss herabgelassen, während ein “Richter“ das Urteil vorliest, und ein Double die Rolle der Verurteilten übernimmt. Von 1985 bis 2024 war das mit nur einer kurzen Pause Giorgio Vianini, nach seinem Tod 2024 übernahm seine Tocher Tania die Rolle.

Die Verurteilten der letzten Jahre

In Trient bezieht sich die Entscheidung häufig auf die lokale Politik. »2026« wurden der Provinzpräsident Maurizio Fugatti, der Gesundheitsassesor Mario Tonina und der Direktor der Gesundheitsbehörde Antonio Ferro für die schlechte Gesundheitsversorgung in Trient gewählt. 2025 wurde auch schon der Provinzpräsidenten Maurizio Fugatti gewählt, der eine Änderung der Wahlgesetzgebung in der autonomen Provinz Trentino (Trient) unterstützte, die ihm eine dritte Kandidatur ermöglichen sollte. Diese Änderung wurde später vom Verfassungsgericht für »verfassungswidrig« erklärt. In der »Anklage« wurde Fugatti als „trotzig“ und „überempfindlich“ bezeichnet, sein Handeln als das eines „Tyrannen“ stat das eines „Präsidenten“ charakterisiert und als Strafe eine »dreifache Tonca« beschlossen. Im Jahre »2024« waren die Erwählten der Bürgermeister von Trient, Franco Ianeselli, dem u. a. die Bevorzugung des Fahrrads zuungunsten von Parkplätzen vorgeworfen wurde, der Provinzpräsident Maurizio Fugatti wegen einiger Bauprojekte, die nicht vorankamen, vor allem das neue Krankenhaus, sowie radikale Tierschutzaktivisten dafür, dass sie andere Menschen beleidigt und sogar mit dem Tode bedroht hatten.

Auch wenn die Nominierten nicht selbst in den Käfig steigen, sondern nur die „Gegenfigur“ in den Fluss getaucht wird, wird politische Verantwortung in dem Moment zur gelebten Kultur.

„La Tonca“ in Deutschland? Welcher Politiker wäre Ihr Kandidat für den Fluss?

Das ehemalige Strafritual hat heute eher satirischen Charakter und zieht Politiker nur symbolisch zur Rechenschaft. Es erfüllt dennoch eine erfrischende Funktion, indem es die Politiker daran erinnert, dass ihre Macht nicht purer Selbstzweck sein darf, sondern immer auch mit einer Verantwortung gegenüber dem Volk verbunden ist. Wer ein öffentliches Amt ausübt, erhält das Vertrauen der Bürger. Und das setzt auch Rechenschaftspflicht voraus und die Überprüfung, ob dieses Vertrauen achtsam verwaltet oder gar missbraucht wurde. 

Im Gegensatz zum Mittelalter gibt es heute parlamentarische Kontrollinstrumente. Dennoch ist  die Situation soweit gelangt, dass politische Fehlentscheidungen kaum noch politische oder persönliche Konsequenzen nach sich ziehen. „Affären“ wie die Maskenaffäre von Jens Spahn führten früher schon aus Selbstachtung zum Rücktritt von Politkern, heutzutage bleiben persönliche Verfehlungen, der Missbrauch von Steuergeldern oder falsche Wahlversprechen konsequenzlos. La Tonca erinnert daran, dass ein Amtsträger seine Macht nur vom Volk geliehen bekommt. Er muss sich nicht nur an Gesetze halten, sondern auch Verantwortung für Fehler übernehmen. Transparenz und Rechenschaftspflicht sind wichtige Stützen der Demokratie. Fehlen sie, kann Machtausübung zur Willkür werden, Machterhalt zum Selbstzweck verkommen und Entscheidungen auch gegen das Wohl des Volkes getroffen werden.

Wer wäre Ihr Kandidat?

Angenommen, es gäbe eine ähnliche Tradition auch in Deutschland, hätten Sie einen Favoriten, den Sie symbolisch in den Käfig schicken würden? Würde es Ihnen schwerfallen, sich zu entscheiden? Deutschland befindet sich iin allen Bereichen in freiem Fall:  Wirtschaft, Gesundheitswesen, Sicherheit, freie Meinungsäußerung, Familienpolitik, Bildung. Mögliche Kandidaten für eine Tonca ließen sich da viele finden. Gerade die fehlende Rechenschaftspflicht bringt immer schwächere Politikerpersönlichkeiten hervor. Politische Macht wird gefährlich, wenn Fehlverhalten ohne Konsequenzen bleibt, Entscheidungen nicht mehr erklärt werden müssen und das Interesse dem eigenen Machterhalt gilt. Dann haben Politiker auch keine Skrupel, die Bürger anzulügen und jeden Winkelzug zu unternehmen, um an der Macht zu bleiben, da ihnen der persönliche Machterhalt wichtiger wird als das Gemeinwohl. 

Das erodiert nicht nur das Vertrauen der Bürger, sondern nagt an den Fundamenten der Demokratie selbst. Eine Demokratie kann nur funktionieren, wenn politische Macht begrenzt, kontrolliert und auch abgewählt werden kann. 

Es ist ein Missstand, dass so vielen Politikern eine qualifizierte fachliche Ausbildung fehlt. Viele haben nie bewiesen, dass sie auf dem Arbeitsmarkt bestehen können, und Ihnen fehlt oft die Fachkompetenz in genau dem Bereich, in dem sie an der Spitze stehen. Wenn Entscheidungen in das Leben von Millionen Menschen eingreifen und das grundlegende Verständnis und Fachwissen fehlt, führt das zu Fehlentscheidungen, Gesetzen mit negativen Folgen und einer großen Abhängigkeit von Lobbyisten und Beratern. Solche Personalbesetzungen und Personalkarussells untergraben die Glaubwürdigkeit. Ein bekanntes Beispiel ist Ursula von der Leyen, die nacheinander Familienministerin (2005-2009), Arbeitsministerin (2009-2013), und Verteidigungsministerin (2013-2019) war und heute nicht direkt vom Volk gewählte Präsidentin der EU. Ähnlich rasante Aufstiege, wo Personen quasi über Nacht zum Experten avancieren, beobachten wir in vielen Ministerien. Der neue deutsche Gesundheitsminister Carsten Linnemann bekleidet damit sogar ein Amt bekleidet, für das er nach »eigener Aussage« nicht geeignet ist. 

„Aber nur um einmal Minister zu sein, dass das einmal bei Wikipedia steht, das ist nicht mein Ding, ich wär auch nicht erfolgreich gewesen. Wenn Sie mich jetzt aufgestellt hätten, weiß ich nicht, als Gesundheitsminister, wäre ich wahrscheinlich nicht erfolgreich gewesen, die Leute hätten gesagt ,Warum wird der Gesundheitsminister? Was hat der damit zu tun?´ Und deswegen: Schuster bleib bei deinen Leisten, mach das, was du kannst.“

Wird ein Skandal aufgedeckt, Misswirtschaft sichtbar oder steht jemand aufgrund einer Affäre in der Politik, steht er selten dafür gerade. Stattdessen wird er auf einen anderen Posten geschoben, konsequenzlos. Doch ein Politiker macht keine bessere Politik, wenn man ihm eine andere Position gibt. Kein Bäcker würde einen Friseur beschäftigen, kein Finanzamt einen Automechaniker und kein Apotheker einen Maurer. Aber genauso scheinen die Ministerposten vergeben zu werden. 

Bessere Politik durch „La Tonca“?

Der Rahmen dessen, was eine solche Tradition verbessern kann, ist begrenzt. Sie ruft die Bürger aber dazu auf, politische Entscheidungen kritisch zu hinterfragen und Missstände sichtbar zu machen. Auch wenn es nur eine symbolische Zeremonie ist, thematisiert sie, dass Politiker für ihre Taten genauso geradestehen und sich der Beurteilung durch die Gemeinschaft stellen sollten wie jeder Bürger. Das gebietet alleine die moralische Verpflichtung, die mit dem Amt verbunden wird. In Trient beginnt das auf kommunaler Ebener.  Wenn es ein solches System in Deutschland bundesweit auf allen Ebenen gäbe, könnte das dazu führen, dass wieder mit mehr Respekt und Ehrfurcht regiert würde?

Der argentinische Weg

In Argentinien hat Javier Milei Ende Juli 2026 den Gesetzentwurf einer „fiskalischen Fußfessel“ angekündigt. Wenn der Staatshaushalt über mehrere Monate defizitär bleibt, werden die politischen Amtsträger, genauer der Präsident, der Vizepräsident, Minister, Abgeordnete und Senatoren kein Gehalt mehr bekommen. Er möchte damit der Schieflage begegnen, dass nur die Bürger den Schaden für schlechte Politik ausbaden müssen, die Verursacher aber nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Die »Welt« schreibt: 

„Von Verantwortungsträgern darf verlangt werden, dass sie Verantwortung nicht nur im Titel führen, sondern mit dem eigenen Einkommen einstehen, nichts anderes wird jedem Kaufmann, jedem Handwerker, jedem Bürger dieses Landes tagtäglich zugemutet.“

Der Geist von La Tonca

La Tonca erinnert daran, dass Rechenschaftspflicht eine Stütze der Demokratie ist. Das Vertrauen der Bürger wird nicht durch hehre Wahlversprechungen gewonnen, sondern durch Ehrlichkeit, Transparenz und die Bereitschaft, für die eigenen Entscheidungen einzustehen. Dieser Gedanke würde der politischen Landschaft gut tun;  eine jährliche Bilanz würde Entscheidungsträger zwingen, sich gegenüber der Öffentlichkeit für die Folgen ihres Handelns zu verantworten. Nicht jede Stadt hat einen geeigneten Fluss und diese Tradition. Für eine Reflexion der Politik würden sich andere symbolische Rituale finden können. Der Demokratie würde es guttun. 

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Klara Blick

Klara Blick hat einen Magister Artium in Englischer Philologie und auch einen Abschluss in Geschichte. Sie plädiert für eine Bildungs- statt eine Schulpflicht und war für einen historischen Verlag tätig. Inzwischen arbeitet sie in der Erwachsenenbildung.

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