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Die große Ernüchterung: Magyar lässt EU-Träume eines gefügigen Ungarns platzen

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Péter Magyar kündigt einen politischen Kurs an, der Kooperation mit Europa verspricht, jedoch klare Grenzen zieht und unmissverständlich signalisiert, dass Ungarns Interessen nicht den Erwartungen aus Brüssel und Berlin untergeordnet werden.
Zusammengefasst

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Der Machtwechsel in Budapest markiert kein sanftes Erwachen, sondern das Ende einer langen politischen Phase, in der Viktor Orbán durch umfassende institutionelle Reformen und eine starke Zentralisierung der Macht die staatlichen Strukturen Ungarns nachhaltig geprägt hat.

Péter Magyar, der neue starke Mann an der Spitze der TISZA-Partei, hat mit einer nie dagewesenen Super-Mehrheit von voraussichtlich 142 Mandaten im 199-Sitze-Parlament die Orbán-Ära beendet. Gestern, am 12. April 2026, haben rund 3,3 Millionen Ungarn für ihn gestimmt und damit ein Mandat erteilt, das schwerer wiegt als alles, was Viktor Orbán je vorweisen konnte. Die Wahlbeteiligung lag bei historischen 80 Prozent. Das ist keine sanfte Kurskorrektur. Das ist der Sturz eines Regimes, das den Staat in eine Beute verwandelt hatte.

Magyars historischer Sieg und die Zukunft Ungarns in Europa

Péter Magyar selbst bezeichnete diesen Sieg im Rahmen einer knapp dreistündigen »Pressekonferenz« als historisch. Er sagte:

„Hungary and the Hungarians wrote history yesterday on the 12th of April. What we saw and experienced in Hungary and also from across the world. It was history in the making in real time.“ (1:58)

„Ungarn und das ungarische Volk haben gestern, am 12. April, Geschichte geschrieben. Was wir in Ungarn und weltweit gesehen und erlebt haben, war ein historischer Moment, der sich in Echtzeit vollzog“.

Er betonte die Verantwortung, die mit diesem Erdrutschsieg einhergehe, und kündigt an, dass die TISZA-Regierung das Land aus der Isolation holen und gleichzeitig die nationale Souveränität wahren will. Doch genau hier beginnt die Realität. Die Beobachter in Brüssel und Berlin, die Viktor Orbán jahrelang als politischen Inbegriff des Bösen dargestellt haben, erwarten nun von Péter Magyar die sofortige Unterwerfung unter EU-Vorgaben, die rasche Freigabe aller eingefrorenen Gelder und eine bedingungslose Unterstützung der Ukraine-Politik. Ob er diese Erwartungen erfüllen wird oder ob er nur ein etwas freundlicher verpackter Nationalkonservativer ist, der weiterhin ungarische Interessen über Brüsseler Ideologie stellt, bleibt die zentrale Frage der kommenden Monate.

Magyar lässt keinen Zweifel daran, dass er die Orbán-Hinterlassenschaft als katastrophal betrachtet. Er spricht offen von einer Propaganda-Maschine, die Hunderte Milliarden Forint verschlungen hat, von der Instrumentalisierung der Geheimdienste und der Polizei für Parteizwecke und von einem Staat, der an die 1980er Jahre erinnert.

„The entire state apparatus was managed by a state party, very much like what we used to have in the 1980s and before that, before the political changes. Now, without this propaganda machine and without using state institutions for party political purposes, such as the secret services and law enforcement agencies, we would have even fewer Fidesz seats in the next parliament.” (4:11)

Der gesamte Staatsapparat wurde von einer Staatspartei kontrolliert – ganz ähnlich wie in den 1980er-Jahren und in der Zeit davor, also vor den politischen Veränderungen. Ohne diese Propagandamaschinerie und ohne den Missbrauch staatlicher Institutionen für parteipolitische Zwecke – etwa der Geheimdienste und der Strafverfolgungsbehörden – hätte Fidesz im nächsten Parlament deutlich weniger Sitze.

Gleichzeitig kündigt er radikale Transparenz an: Alle nicht vernichteten Dokumente, vertraulichen Regierungsbeschlüsse und Kreditverträge sollen offengelegt werden, soweit sie nicht unmittelbar die Sicherheits- oder Finanzinteressen Ungarns gefährden. Die Übergangsphase sei keine normale Amtsübergabe, sondern ein Kampf gegen die systematische Vernichtung von Akten in Ministerien und Hintergrundinstitutionen.

Ein selbstbewusster Kurs gegenüber Brüssel

Der neue Regierungschef will eine grundlegende Neuordnung der Staatsstrukturen. Statt der großen Superministerien unter Orbán sollen sektorale Fachministerien entstehen – für Gesundheit, Bildung, Umweltschutz, ländliche Entwicklung und eine saubere Finanzverwaltung. Das Amt des Ministerpräsidenten soll nicht wie ein Königtum, sondern wie das eines Kapitäns funktionieren, der auf die Expertise seiner Minister, der Abgeordneten und vor allem der Bürger setzt. Referenden, Online-Befragungen und echte Bürgerbeteiligung sollen die Entscheidungsfindung prägen. Facebook-Posts und Studio-Auftritte reichen nicht mehr.

„The prime minister is not going to be like a king. Uh but like a captain who coordinates tasks, who relies on the opinion of his ministers, on their proposals, who relies on members of parliament, but also on Hungarian people. I myself have changed a lot. I learned how important direct relationship with the people is crucial or as they say, participation. Yes, it is important. This is the only way democracy can work.“ (22:01)

„Der Ministerpräsident wird nicht wie ein König sein, sondern wie ein Kapitän, der Aufgaben koordiniert, der sich auf die Meinung seiner Minister und auf ihre Vorschläge stützt, der sich auf die Mitglieder des Parlaments, aber auch auf das ungarische Volk verlässt. Ich selbst habe mich sehr verändert. Ich habe gelernt, wie wichtig eine direkte Beziehung zu den Menschen ist – oder, wie man sagt, Partizipation. Ja, sie ist wichtig. Nur so kann Demokratie funktionieren.“

Besonders provokant wirkt Magyars Umgang mit den Erwartungen aus Brüssel. Er bekennt sich klar zur EU- und NATO-Mitgliedschaft und betont, dass die Ungarn stolz auf ihre tausendjährige europäische Identität sind. Das Friedensprojekt Europa habe Ungarn Stabilität gebracht. Dennoch bleibt er bei einer harten Linie in zentralen Punkten. Er unterstreicht, dass Ungarn über Jahrhunderte hinweg als Bollwerk Europas fungierte und die Außengrenzen des Kontinents verteidigte, ein historischer Auftrag, der auch in der Gegenwart politische Relevanz besitzt. Gleichzeitig fordert er eine Europäische Union, die nationale Souveränität respektiert, ihre Außengrenzen wirksam schützt und sich nicht in ideologisch geprägten Machtkämpfen verliert. Zwar erkennt er die Bedeutung der europäischen Integration an, doch kritisiert er offen die überbordende Bürokratie, den Einfluss von Lobbyinteressen sowie die zunehmende Zentralisierung von Entscheidungsprozessen in Brüssel. Die EU müsse zu ihren ursprünglichen Prinzipien zurückfinden: Frieden sichern, wirtschaftliche Stabilität gewährleisten und die Interessen ihrer Mitgliedstaaten ausgewogen vertreten.

„They are proud that we are part of the European Union and NATO. […] We are proud that we protected the borders of Europe for hundreds of years. All Hungarians are proud of their European identity. […] Everyone knows that it’s a peace project […] that there should never be a war between the founding member states. […] The fact that there is peace today in Hungary is due to a great deal to the EU and NATO. We also see the faults of the EU […] It’s a large organization, many national interests, party interests, lobby interests. […] It’s a complicated bureaucratic […] seeking compromise […] and also the beauty of this. […] Hungary is also prepared to create compromises. We shall have debates […] because all member states are there to represent their national interests […] But we are not going there to fight […] I can promise you that I will always represent the interest of Hungarians […] everywhere. I will be very strong and steadfast and honest about Hungarian interests and I will represent them.” (23:45)

„Sie sind stolz darauf, dass wir Teil der Europäischen Union und der NATO sind. […] Wir sind stolz darauf, dass wir über Jahrhunderte hinweg die Grenzen Europas geschützt haben. Alle Ungarn sind stolz auf ihre europäische Identität. […] Jeder weiß, dass sie ein Friedensprojekt ist […] damit es niemals zu einem Krieg zwischen den Gründungsmitgliedern kommt. […] Dass heute Frieden in Ungarn herrscht, ist zu einem großen Teil der EU und der NATO zu verdanken. Wir sehen auch die Schwächen der EU […] Sie ist eine große Organisation mit zahlreichen nationalen Interessen, Parteinteressen und Lobbyinteressen. […] Es ist ein komplizierter bürokratischer Prozess der Kompromisssuche […] und zugleich liegt darin auch seine Stärke. […] Auch Ungarn ist bereit, Kompromisse einzugehen. Wir werden Debatten führen […] denn alle Mitgliedstaaten vertreten ihre nationalen Interessen […] Doch wir gehen nicht dorthin, um zu kämpfen […] Ich verspreche, dass ich die Interessen der Ungarn überall vertreten werde. Ich werde dies entschlossen, standhaft und ehrlich tun.“

Er lehnt eine Fast-Track-Aufnahme der Ukraine in die EU ab, weil ein Kriegsland nicht einfach in die Union integriert werden könne. Den 90-Milliarden-Euro-Kredit an Kiew will er nicht blockieren, hält aber am Opt-out für Ungarn fest; das Land sei finanziell zu geschwächt, um zusätzliche Lasten zu tragen. Die eingefrorenen EU-Gelder will er so schnell wie möglich nach Hause holen, jedoch nur gegen echte Reformen bei Korruptionsbekämpfung, Justizunabhängigkeit, Pressefreiheit und akademischer Freiheit.

Souveränität mit klarer Kante

Magyar verspricht, ein konstruktiver Partner zu sein, der nationale Interessen hart, aber ehrlich vertritt, ohne ständige Konfrontation und Plakat-Kampagnen gegen das „böse Brüssel“. Dennoch klingt durch, dass er nicht vorhat, Ungarn zum willfährigen Erfüllungsgehilfen zu machen. Die Diversifizierung der Energieversorgung soll vorangetrieben werden, ohne die geografische Realität zu ignorieren. Er betont, dass eine Regierung der TISZA-Partei die Energieversorgung Ungarns breiter aufstellen würde. Ziel ist es, die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten, insbesondere von Russland zu verringern. Er unterstreicht, dass Ungarn seine geografische Lage nicht ändern kann. Daher sei eine vollständige Abkopplung von Russland unrealistisch. Stattdessen plädiert er für eine ausgewogene Strategie: Zusammenarbeit, wo sinnvoll, aber ohne einseitige Abhängigkeit. Russland bleibe zwar ein Sicherheitsrisiko, doch er werde, falls Putin anrufe, den Hörer abnehmen und ihn auffordern, den Krieg zu beenden.

„I have said many times many times, but I will repeat it now that the TISA government will do everything in its power to diversify our energy mix, energy purchases […] because that gives us security and energy security is one of the most important issues in Hungary and secondly this is how you can purchase oil or gas uh at the cheapest the lowest prices. […] But let us also not forget that we cannot change geography. Russia will be here, Hungary will be here. So but we will try to diversify. hat doesn’t mean that we want to detach ourselves. We we want to buy oil at low prices and securely. But the durba the friendship oil pipeline uh and what’s happened there we can see that it threatens Hungary’s energy supply or what’s happening in Thran in Iran that threatens our energy supply. So it is not it is in the interest of Hungary to diversify our energy mix and energy supply as much as possible.“ (1:02:23)
„If Vladimir Vladimir Putin calls me, I will pick up the phone. But I will not call him myself. But if he were to speak, I can say I will ask him to please stop the killing after four years, stop the war. That uh has no point at all for them either.“ (1:26:31)

„Ich habe es schon viele Male gesagt, aber ich wiederhole es noch einmal: Eine TISZA-Regierung wird alles in ihrer Macht Stehende tun, um unseren Energiemix und unsere Energieeinkäufe zu diversifizieren, […] denn das verschafft uns Sicherheit, und Energiesicherheit ist eine der wichtigsten Fragen in Ungarn. Zweitens ist dies der Weg, Öl oder Gas zu den günstigsten Preisen zu erwerben. […] Doch dürfen wir nicht vergessen, dass wir die Geografie nicht verändern können. Russland wird hier sein, Ungarn wird hier sein. Deshalb werden wir diversifizieren. Das bedeutet nicht, dass wir uns vollständig abkoppeln wollen. Wir möchten Öl sicher und zu niedrigen Preisen beziehen. Doch die Druschba- beziehungsweise ‚Freundschafts‘-Ölpipeline und die dortigen Entwicklungen zeigen, dass sie Ungarns Energieversorgung bedrohen können, ebenso wie die Ereignisse in Teheran im Iran unsere Energiesicherheit gefährden. Daher liegt es im Interesse Ungarns, seinen Energiemix und seine Energieversorgung so weit wie möglich zu diversifizieren.“ (1:02:23)
„Wenn Wladimir Wladimir Putin mich anruft, werde ich den Hörer abnehmen. Aber ich werde ihn nicht selbst anrufen. Sollte er jedoch mit mir sprechen, werde ich ihn bitten, nach vier Jahren das Töten zu beenden und den Krieg zu stoppen. Dieser hat auch für sie keinerlei Sinn.“ (1:26:31)

Zur Korruptionsbekämpfung kündigt er ein nationales Asset-Recovery-Office an, das industrielle Maßstäbe der Veruntreuung aufarbeiten soll, von Autobahn-Konzessionen über Atemgeräte bis hin zu Stiftungen und öffentlichen Aufträgen über zehn Milliarden Forint. Die Unabhängigkeit von Polizei, Staatsanwaltschaft und Geheimdiensten soll wiederhergestellt werden. Politische Einmischung in operative Arbeit soll enden. Gleichzeitig fordert er den Rücktritt zahlreicher hoher Amtsträger, darunter des Präsidenten, und droht mit verfassungsändernden Maßnahmen der Super-Mehrheit, falls sie nicht freiwillig gehen. Er betont jedoch, dass er keine rechtsstaatswidrigen Methoden anwenden wolle, um den Rechtsstaat wiederherzustellen. Bei der Innenpolitik verspricht Magyar eine Abkehr vom Orbán-Stil. Die Regierung soll kollektiv arbeiten, nicht autoritär. Politik soll wieder in Dörfer und Städte getragen werden, nicht nur über Propaganda. Er selbst habe gelernt, wie wichtig der direkte Kontakt zum Volk sei. Die Begrenzung der Amtszeit des Ministerpräsidenten auf zwei Legislaturperioden soll in die Verfassung. Orbán selbst soll damit endgültig ausgeschlossen sein.

Freiheit, Reform und Souveränität

Die Erwartungen der EU sind hoch: volle Anpassung an Brüsseler Standards, Öffnung der Grenzen, bedingungslose Solidarität mit Kiew, eine rasche Euro-Einführung sowie der Abbau nationaler Schutzmechanismen. Magyar signalisiert Bereitschaft zu Kompromissen und Kooperation, doch er bleibt ein ungarischer Patriot, der die Souveränität seines Landes nicht opfern will. Er will EU-Gelder, aber nicht um jeden Preis. Er will Frieden in der Ukraine, jedoch ohne territoriale Zugeständnisse. Er will die Diversifizierung der Energieversorgung, aber keine wirtschaftliche Selbstbeschädigung durch ideologisch motivierte Sanktionen.

Dass Péter Magyar die Erwartungen aus Brüssel und Berlin nicht blind erfüllen wird, zeichnet sich bereits jetzt deutlich ab. Er präsentiert sich nicht als politische Marionette, wie es sich manche nach dem Ende der Orbán-Ära erhofft haben mögen, sondern als selbstbewusster Regierungschef mit klarer Haltung. Magyar zeigt Kante und macht unmissverständlich deutlich, dass die Interessen Ungarns für ihn Vorrang vor externen politischen Agenden haben. Er tritt als Reformer auf, der den Orbán-Staat entmachten, Korruption bekämpfen und Transparenz schaffen will, ohne Ungarn zum Spielball fremder Interessen zu machen. Die Super-Mehrheit verleiht ihm die Macht dazu. Ob er sie nutzt, um ein freies und zugleich souveränes Ungarn zu formen, oder ob lediglich eine geschmeidigere Variante des alten Systems entsteht, wird sich in den ersten Monaten entscheiden. Die Ungarn haben Geschichte geschrieben. Nun wird sich zeigen, ob diese Geschichte den Beginn einer Befreiung markiert oder lediglich ein neues Kapitel derselben alten Erzählung darstellt.

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Janine Beicht

Janine Beicht ist gelernte Kommunikationsdesignerin, arbeitet aber seit 2020 im Gesundheits- und Sozialwesen. Als Aktivistin engagiert sie sich besonders auf dem Gebiet der Psychologie unter dem Aspekt der jeweiligen politischen Machtinteressen.

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