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Iran: mehr Schein als Sein

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Machtkalkül statt Bürgerlicher Revolution. Warum die Eskalation im Iran kein Umsturzprojekt ist, sondern Teil einer größeren amerikanischen Ordnungsarchitektur.
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Ein Beitrag von Kevin Eßer.

Raketen erzeugen Schlagzeilen. Deals erzeugen Ordnung.

Seit dem 28. Februar 2026 intensiviert sich die Konfrontation zwischen Washington und Teheran. Die Operationen „Epic Fury“ und „Roaring Lion“ stehen für massive Luft- und Raketenschläge auf militärische Infrastruktur in Teheran, Isfahan, Qom und auf Marineanlagen. Die politische Begleitung ist entsprechend deutlich. Die Rhetorik aus Washington ist schärfer als in früheren Episoden.

Doch wer hinter die Bilder blickt, erkennt weniger ein isoliertes Machtduell als eine Bewegung innerhalb einer größeren Neuordnung.

Ein Regimewechsel im Iran wäre kein regionaler Eingriff, sondern ein Eingriff in die globale Machtarchitektur. Rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öls passiert die Straße von Hormus. Eine nachhaltige Destabilisierung dieser Route würde Energiepreise strukturell erhöhen. Bereits moderate Preisbewegungen wirken in industrialisierten Volkswirtschaften auf Inflationspfade und Zinserwartungen. Kapital reagiert schneller als politische Programme.

Hier beginnt die strategische Verschiebung. Es geht nicht nur um Iran. Es geht um die Frage, wie Energie, Abschreckung und Währungsarchitektur im 21. Jahrhundert zusammenwirken. Der Konflikt kann als klassischer regionaler Machtkampf gelesen werden. Er lässt sich jedoch ebenso als Teil einer Phase globaler monetärer Neujustierung interpretieren. In einer Welt, in der BRICS-Strukturen wachsen, alternative Zahlungsabwicklungen diskutiert werden und Energie zunehmend politisiert ist, wird militärische Eskalation zu einem Signal weit über das eigentliche Schlachtfeld hinaus.

Der unmittelbare Gegner mag Iran heißen. Der strategische Adressat kann durchaus anderswo sitzen. China ist tief in die Energie- und Infrastrukturarchitektur der Region eingebunden. Jede militärische Verdichtung im Persischen Golf sendet ein Signal über Verwundbarkeit von Lieferketten, über Preishebel, über die Reichweite amerikanischer Projektion. In diesem Sinne ist der Konflikt nicht nur regionaler Druckaufbau, sondern auch Demonstration systemischer Zugriffsfähigkeit.

Es wäre verkürzt zu behaupten, der Konflikt diene ausschließlich einer globalen Währungsneuordnung. Doch er fügt sich in eine Phase ein, in der Energie, Dollar-Dominanz und Kapitalströme enger miteinander verflochten sind als in früheren Konfliktgenerationen.

Stabilität im Energiemarkt stabilisiert Inflationspfade. Stabile Inflationspfade stabilisieren Zinserwartungen. Zinserwartungen steuern Kapitalbewegungen. Kapitalbewegungen beeinflussen die Stellung einer Reservewährung. Wer geopolitische Eskalation heute betrachtet, ohne diese monetäre Dimension mitzudenken, sieht nur die Hälfte des Spielfelds.

Ein chaotischer Regimewechsel im Iran würde diese Erwartungsarchitektur destabilisieren. Eine begrenzte Eskalation mit anschließender Verdichtung hingegen kann als Testlauf einer neuen Abschreckungsarchitektur gelesen werden. Keine Bodenoffensive. Keine langfristige Besatzung. Hohe Intensität, klare Begrenzung. Eine Demonstration von Reichweite ohne strukturellen Systembruch.

Israel spielt in dieser Konstellation eine doppelte Rolle. Einerseits verfolgt Jerusalem eigene sicherheitspolitische Interessen und strebt die nachhaltige Begrenzung iranischer Fähigkeiten an. Andererseits liegt auch für Israel kein strategischer Vorteil in einem unkontrollierten Zusammenbruch staatlicher Ordnung in Teheran. Ein geschwächter, aber kalkulierbarer Gegner ist berechenbarer als fragmentierte Machtstrukturen mit asymmetrischen Eskalationspfaden.

Israel erhöht den Druck, Washington steuert das Systemrisiko

China und Russland wiederum fungieren als strukturelle Bremsfaktoren. Beide konkurrieren mit Washington, profitieren jedoch nicht von einem unkontrollierten Flächenbrand, der Energiepreise explodieren und Kapitalmärkte destabilisieren würde. Großmächte akzeptieren Spannung, solange sie kalkulierbar bleibt. Sie vermeiden einen Systembruch, der ihre eigenen Strategien unterminiert.

In diesem Licht erscheint der Konflikt weniger als Versuch, ein Regime zu stürzen, sondern eher als Versuch, Machträume zu markieren. Einflusszonen werden nicht nur territorial definiert, sondern monetär, energetisch und infrastrukturell. Nicht territoriale Expansion ist der Kern moderner Machtprojektion, sondern die Fähigkeit, Erwartungshorizonte zu formen.

Der „Mar-a-Lago-Accord“ steht symbolisch für diese Neuausrichtung. Reindustrialisierung, Sicherung der Dollar-Stellung und selektive Machtausübung setzen Berechenbarkeit voraus. Eine Welt permanenter Systembrüche wäre mit dieser Strategie nicht kompatibel. Damit verschiebt sich auch die Perspektive auf den eigentlichen Zweck der Eskalation. Es geht nicht primär um Energiepreise im engeren Sinne. Es geht um die Disziplinierung von Unsicherheit. Um die Absicherung von Einfluss in einer Phase, in der sich die multipolare Ordnung neu sortiert.

Für Deutschland bleibt die Lage nüchtern. Deutschland gestaltet diese Ordnung nicht. Es reagiert auf sie. Energiepreisbewegungen wirken unmittelbar auf Industrieproduktion, Investitionsklima und Wettbewerbsfähigkeit. Internationale Eskalationen bündeln Aufmerksamkeit, während strukturelle Reformdebatten in den Hintergrund treten.

Stabilität ist kein Frieden. Stabilität ist kontrollierte Spannung. Weltpolitik ist kein moralisches Drama. Sie ist Risikomanagement. Eskalation ist sichtbar. Ordnung entsteht im Anschluss.

„Nicht Raketen schreiben Geschichte. Verträge tun es.“

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Kevin Eßer ist ein deutscher Wirtschaftsliberaler und politisch aktiv. Er engagiert sich sowohl in der WerteUnion als auch in der Atlas-Initiative. In seinen Beiträgen möchte er komplexe Zusammenhänge aus freiheitlicher Perspektive überparteilich verständlich machen.

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