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Undercover 1887
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Undercover im Jahr 1887

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Nellie Bly begründete den investigativen Journalismus und reiste in 72 Tagen um die Welt. Von ihrem Berufsethos können sich die meisten heutigen Journalisten mehr als eine Scheibe abschneiden.
Zusammengefasst

Elizabeth Jane Cochran (1864-1922), war eine amerikanische Journalistin und Reporterin. Ihre erste Anstellung verdankte sie einem Leserbrief, den sie zu einem ihrer Meinung nach frauenfeindlichen Artikel machte, woraufhin sie eine Anstellung als Reporterin bekam und unter dem Pseudonym »Nellie Bly« zu schreiben begann. 1887 zog sie nach New York und wechselte zu Joseph Pulitzers Zeitung New York World. Im Jahre 1889 hatte sie die Idee, den fiktionalen Rekord der Hauptfigur Phileas Fogg aus Jules Vernes Roman In 80 Tagen um die Welt zu brechen. Der historisch interessante Bericht ihrer Reise soll später kurz skizziert werden. Viel erwähnenswerter ist Nellie allerdings für ihren mutigen Journalismus, der sie sogar hinter Gitter führte. 

Die Frau, die den Wahnsinn wagte

In ihrer Reportage »„Zehn Tage in der Irrenanstalt. Wahnsinn vortäuschen, um den Horror in der Irrenanstalt aufzudecken.“« schleicht sich Nellie in die Irrenanstalt für Frauen auf Blackwell´s Island ein. Ihre Motivation war, die Berichte von Missbrauch und schlechter Behandlung, von denen sie gehört hatte, zu verifizieren. Ohne die Garantie, dass ihr Verleger sie wieder herausholen könne, wagte sie das Selbstexperiment. Sie schloss auch die Möglichkeit mit ein, selbst hinter Gittern verrückt zu werden und nicht mehr zurückzukommen, und übte vor dem Spiegel einen leeren, wirren Blick. Zunächst ging Nellie ins Frauenarbeitshaus, um sich dann als verrückt und mittellos in die Irrenanstalt einweisen zu lassen. In einer kurzen Anhörung dazu stand schnell die Diagnose fest: „Positively demented“, „a hopeless case“ (gesichert wahnsinnig, ein hoffnungsloser Fall). Von den 1600 Insassinnen auf der Insel hielt Nellie viele, mit denen sie ins Gespräch kam, für mental völlig gesund. Erstaunlicherweise musste auch Nellie sich nicht groß verstellen, denn einmal eingewiesen wurde sie generell als Verrückte behandelt. In ihrem Notizbuch hält sie fest, dass Frauen an den Haaren durch den Raum gezogen, gewürgt, geschlagen, fehldiagnostiziert, weggesperrt, mit eiskaltem Wasser zwangsgebadet und mit Medikamenten ruhiggestellt wurden. Wer sich über die Behandlung durch die Schwestern bei den Ärzten beschwerte, wurde erst recht schikaniert. Nach 10 Tagen wurde Nellie aus der Anstalt geholt und ging mit ihren Beobachtungen vor Gericht. Eine Anhörung vor der Grand Jury erfuhr viel Aufmerksamkeit in der Presse und bewirkte eine Inspektion auf der Insel. Dort hatten sich die Zustände alleine durch die mediale Aufmerksamkeit verbessert, viele gepeinigte Frauen waren bei der Inspektion zwar unauffindbar, aber die die Ärzte begrüßten Nellies Aufdeckungen, da sie selbst diese Zustände vermuteten, sie den Schwestern aber nie etwas nachweisen konnten.

Nellies Undercoverarbeit führte zu umfassenden Reformen im Gesundheitswesen von New York, insbesondere beim Umgang mit wehrlosen, ausgelieferten Personen. 

Mutige Kämpferin für soziale Gerechtigkeit

Nellie Bly kämpfte nicht nur für Frauenrechte, sondern blickte überall dort hinter die Kulissen, wo sie soziale Missstände sah. Ihr Markenzeichen war die Undercover-Enthüllung. Weil Fabrikbesitzer ihr die Berichterstattung verwehrten, schlich Nellie sich als arme Arbeiterin verkleidet in eine »Kupferkabelfabrik« ein und enthüllte die schlechten Arbeitsbedingungen, denen vor allem Frauen und Kinder dort ausgesetzt waren. In New York deckte sie weitere Missstände auf wie Korruption in staatlichen Behörden, indem sie sich als Lobbyistin ausgab und einen echten Lobbyisten anheuerte, er solle Geld an Abgeordnete weiterleiten. Diese Aktion machte sie dann öffentlich, genauso wie die schlechte Behandlung von Frauen bei Arbeitsvermittlungen, wo sie sich als Dienstmädchen anstellen ließ. Ferner überführte sie, wie »Brooke Kroeger« zusammenfasst, einen Kinderhändler, indem sie sich als unverheirate Mutter ausgab, die ein Kind weggeben wollte, oder Heiratsagenturen, indem sie sich dort bewarb. Sie besuchte auch mit „Migränebeschwerden“ sieben Ärzte und bekam sieben unterschiedliche Diagnosen. Sie gab sich als Tänzerin aus, um die Bedingungen der Mädchen zu untersuchen, die ein Leben auf der Bühne wählten. Als „misstrauische Ehefrau“ überprüfte sie die Arbeit von Privatdetektiven und arrangierte sogar ihre eigene Verhaftung, um herauszufinden, was mit Frauen geschah, die im Gefängnis landeten. 

Journalisten wie Nellie Bly in der EU unerwünscht

Nellies verstand Journalismus als das, was er leisten sollte. Sie deckte Missstände in Institutionen auf, die sonst unkontrolliert agieren konnten. Sie gab den sozial Schwachen eine Stimme durch eigenen Erlebnisse und ihren Mut, in Fremden unzugänglichen Bereichen undercover zu recherchieren, was ihr handfeste Beweise verschaffte. Sie hinterfragte nicht nur, sondern sie machte ihre Recherchen öffentlich, stellte die Misstände transparent ins Rampenlicht und zwang die Mächtigen dazu, Verantwortung zu übernehmen. Auf diese Weise bewirkte sie soziale Reformen und Veränderungen. 

In der heutigen Medienlandschaft gibt es zu wenige Nellies, die ihren Berufsethos noch ernst nehmen. Journalisten dienen heute den Interessen ihrer Sponsoren, halten sich an Vorgaben der Geldgeber – „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.“ – und sind zu “Erfüllungsgehilfen des Narrativs“ verkommen. Die “schlimmste“ Form ist ein von Steuergeldern finanzierter öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der sich kollektiv dem verschrieben hat, 24/7 die gewünschte Regierungsmeinung zu propagieren

Berufsethos und der Auftrag des Presse, als »„Vierte Gewalt im Staate“« eine Kontrollinstanz der drei Staatsgewalten Legislative, Judikative und Exekutive zu ein, scheinen nicht mehr existent. Umso mehr müssen wir für diejenigen dankbar sein, die in allen Bereichen aufstehen und die Missstände ansprechen, als Ärzte, als Soldaten, als Erzieher, als Unternehmer und eben als Journalisten, die für diese Menschen die Plattform schaffen, dass auch ihre Geschichten, Ansichten und Erkenntnisse gehört werden. Und die den Auftrag, die Gewaltenteilung zu wahren, ernst nehmen. Das ist für viele durchaus mit persönlichen Risiken für die eigene Person, die Reputation oder sogar die Freiheit verbunden. Denn diejenigen, die den Mächtigen mit ihrer Wahrheitsliebe ein Dorn im Auge sind, werden zusehens mit Repressalien belegt und bekämpft. Die mutigen Stimmen, die in Nellies Fußstapfen treten, die unsichtbaren Machtspiele im Hintergrund ins Rampenlicht bringen, Misstände ansprechen, die Menschen informieren und den Druck zu Reformen erhöhen, verdienen unser aller Solidarität, Dank und Unterstützung.

Mehr noch als als Begründerin des investigativen Journalismus wurde Nellie zu ihrer Zeit durch einen Wettlauf um die Welt berühmt. 

In 72 Tagen um die Welt

Nellie hatte 1889 die Idee, den fiktiven Rekord von Jules Vernes Romanfigur Phileas Fogg aus In 80 Tagen um die Welt zu brechen und setzte das bei ihrem Verleger durch, indem sie ansonsten mit Kündigung drohte. Sie ließ sich ein bequemes Kleid schneidern und reiste mit leichtem Gepäck, die gesamte Reise wurde vom Verleger bezahlt, die genauen Kosten blieben aber dessen Geheimnis. In ihren Koffer packte sie: 

„zwei Reisekappen, drei Schleier, Pantoffeln, ein komplettes Set Toilettenartikel, Tintenfass, Stifte, Bleistifte und Kopierpapier, Stecknadeln, Nadeln und Garn, einen Morgenmantel, einen Tennisblazer, eine kleine Flasche und einen Trinkbecker, mehrere Wechselsets an Unterwäsche, einen großen Vorrat an Taschentüchern und frische Rüschenstreifen und, am sperrigsten von allem, ein Glas Cold Cream, um mein Gesicht vor Rissen in den verschiedenen Klimazonen zu schützen.“

»Nellie Bly, Around the world in seventy-two days«

Am 14.11.1889 um 9:40:30 begann die Weltreise in New York. Schon auf dem ersten Schiff zeigte sich, dass die Mitreisenden für sie stets eine Begleitperson organisierten, damit sie nicht als Frau auf sich allein gestellt wäre. Über London reiste sie nach Frankreich und kam der Bitte von Mr. und Mrs. Jules Verne nach, sie zu besuchen. Dort verglichen sie ihre Reiseroute mit der von Phileas Fogg und sie erfuhr von Jules Verne, dass er seinen Roman ohne die Datumsgrenze wohl nicht geschrieben hätte. Über Italien, durch den Suezkanal, nach Sri Lanka, Malaysia und Singapur reisend kam sie nach 39 Tagen in China (Hongkong) an. Dort erfuhr Nellie, dass „die andere Journalistin“, die dasselbe Ziel hatte, schon dagewesen sei. Sie wusste bis dahin nicht, dass das Magazin The Cosmopolitan Elizabeth Bisland als Konkurrentin losgeschickt hatte und es somit ein echtes Wettrennen war. Bisland reiste allerdings westwärts, sie verpasst unterwegs ein schnelleres Schiff und benötigte 76 Tage. Weiter ging Nellies Reise über Japan nach San Francisco und zurück nach New York. 

Die Motivation der Reise war nicht das Kennenlernen fremder Kulturen, sondern der medial groß begleitete Rekordversuch. Wo Nellie hinkam, wurde sie erwartet und in der Regel vom Konsul begrüßt. Ihre Schilderungen sind knapp und auf den Rekord gerichtet. Anstatt Eindrücke von der Landschaft zu schildern, gibt sie lebhaft in direkter Rede Unterhaltungen mit Mitreisenden wider. Einzig China bildet eine Ausnahme, wo die Bestrafungsmethoden für Kriminelle großen Raum einnehmen. Sie lässt sich die Köpfe von Enthaupteten zeigen, die in Fässern gesammelt werden, sie beobachtet, wie Dieben alle Knochen der Hand gebrochen werden und beschreibt weitere Strafen wie die „Bambusbestrafung“. Auch Japan bekommt mehr Raum in der Darstellung, sie liebt Japan. Die japanische Art der Kleidung beschreibt sie: 

„Ich neige immer dazu, zu lachen, wenn ich die japanischen Männer in ihrer einheimischen Kleidung ansehe. Ihre Beine sind dünn und ihre Hosen hauteng. Ihre Oberbekleidung mit den großen breiten Ärmeln ist so locker wie das Unterteil eng ist. Wenn sie ihre „Aufmachung“ fertigstellen, indem sie einen spülbeckenförmigen Hut auf ihren Kopf setzen, wundert man sich noch mehr, wie so dünne Beine das alles tragen können! Stecke zwei Strohhalme in ein Ende einer Kartoffel, einen Pilz ans andere Ende, stelle sie mit den Strohhalmen auf und du erhältst die Figur eines Japaners.“

»Around the world in 72 days, ch. 15: „One hundred and twenty hours in Japan.“«

Diese Passage veranlasst manche, ihr Werk als rassistisch oder kolonialistisch zu verurteilen, ohne den historischen Kontext zu berücksichtigen. Dabei wird der Autorin automatisch eine böswillige Haltung unterstellt, die in „vorauseilendem Gehorsam“ vielleicht nur in den Köpfen der Kritiker herrscht. Nellie jedenfalls vergleicht Japan mit dem Paradies, zu ihrem Mann würde sie sagen: „Ich weiß wo Eden ist“ und sie würde „das Land meiner Geburt für Japan verlassen.“

Nach einer recht stürmischen Überquerung das Pazifik, bei dem Nellie fast noch den Affen, den sie sich in Singapur als Begleiter zugelegt hatte, verloren hätte, wurde sie in San Francisco begeistert empfangen. Die Durchquerung des Kontinentes gestaltete sich als Jubelfahrt, „A ride worthy a queen.“ (Eine Fahrt, einer Königing würdig.). Ein Spezialzug und Kutschen wurde bereitgestellt und Tausende jubelnder Menschen empfingen Nellie in New York, wo sie nach 72 Tagen, 6 Stunden und 11 Minuten am 25. Januar 1890 als Rekordhalterin wieder ankam. 

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Klara Blick

Klara Blick hat einen Magister Artium in Englischer Philologie und auch einen Abschluss in Geschichte. Sie plädiert für eine Bildungs- statt eine Schulpflicht und war für einen historischen Verlag tätig. Inzwischen arbeitet sie in der Erwachsenenbildung.

2 Antworten

    1. Ja, das fand ich auch erstaunlich. Im weiteren denkt man dann an Wallraff oder Snowden oder Hersh u.a., mutige Menschen, die für die Aufdeckung der Wahrheit einiges riskieren. Auch von dem Wettlauf gegen „Phileas Fogg“ hatte ich noch nie gehört.

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