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Im Gegensatz zum Hochstapler Felix Krull fehlt es Wolfram Weimer am Bekenntnis. So gibt die Romanfigur von Thomas Mann nonchalant zu, dass er andere Menschen bewusst täuscht – jedoch nicht aus einer Not heraus, sondern aus Überzeugung. Seine Waffen sind nicht Revolver oder Granaten, sondern Charme und wohlklingende Worte. Nun, über Charme lässt sich bekanntermaßen trefflich streiten. Fakt ist, dass sich Wolfram Weimer trotz der vergangenen Skandale immer noch an der Macht hält, worüber Haintz.media mehrfach berichtete.
Chronologisch betrachtet zieht sich eine bemerkenswerte Spur von Kontroversen durch Weimers Wirken: wiederkehrende Vorwürfe enger Verflechtungen zwischen Medien, Politik und wirtschaftlichen Interessen, exklusive Netzwerktreffen mit einflussreichen Akteuren sowie eine auffällige Nähe zu politischen Entscheidungsträgern, die Fragen nach Unabhängigkeit und Transparenz aufwerfen. Hinzu kommen kritisierte Personalentscheidungen und öffentliche Auftritte, in denen ein elitäres Selbstverständnis durchschimmert, das mit dem Anspruch eines offenen Diskurses kaum vereinbar ist.
Diese Gemengelage wurde in den vergangenen Jahren durch Berichte über informelle Treffen und Zirkel weiter verschärft, bei denen politische und wirtschaftliche Interessen hinter verschlossenen Türen verhandelt worden sein sollen. Kritik entzündete sich dabei nicht nur an den Inhalten, sondern vor allem an der Intransparenz und der offenkundigen Selbstverständlichkeit, mit der solche Strukturen gepflegt werden. Der Vorwurf lautet stets gleich: ein System der wechselseitigen Begünstigung, das sich demokratischer Kontrolle entzieht.
Sie sind nur wegen der Macht an der Macht
Doch all das führte weder zu einem Rücktritt noch dazu, dass das Korruptionstreffen am Tegernsee nicht mehr stattfindet. Immerhin gab Markus Söder die Schirmherrschaft ab, was dazu führt, dass Pinocchio-Wolfram und seinem Schmierengipfel Staatsknete aus München fehlt – was aber nichts daran ändert, dass die Veranstaltung trotzdem stattfindet. Zwar ohne Ministerpräsidenten, dafür aber mit Ilse Aigner, der Präsidentin des Bayerischen Landtages. Allerdings musste ich im Radio BR24 hören, dass sie darauf besteht, nicht als Präsidentin am Starnberger See zugegen zu sein, sondern in ihrer Funktion als Vorsitzende des mächtigen Bezirksverbandes der CSU in Oberbayern. Sie hat es quasi nicht weit. Nächstes Jahr wird sie dann sagen, sie sei zufällig in der Nähe gewesen.
Bei der Auftaktrede »betonte Verlegerin Christiane Goetz-Weimer«: „Die Lage ist brisant. Und doch sollten wir uns auf das besinnen, was wir in Deutschland seit 1200 Jahren erstaunlich gut können: Resilienz.“ Resilienz bedeutet, psychisch widerstandsfähig zu sein und auch gewaltige Krisen zu meistern. Da hat die Gattin vom Kulturstaatsminister völlig recht. Es braucht eine gehörige Portion Resilienz – wahlweise Dummheit –, diesen völlig überschaubaren korrupten Apparatschik zu ertragen. Stattdessen fordern weite Teile der Gesellschaft den Rücktritt von Wirtschaftsministerin Reiche, eine der wenigen in diesem Kabinett, die kein Totalausfall ist und zumindest eine bessere Politik will, während ihre restlichen Kollegen, allen voran Weimer, nur an der Macht sind, um ihre Macht auszubauen, mindestens aber zu erhalten.
Der Skandal ist längst die Norm
Und genau darin liegt der entscheidende Unterschied zu Figur Felix Krull: Der literarische Hochstapler lebt davon, dass seine Maskerade jederzeit auffliegen könnte – und gerade diese Fallhöhe macht seinen Reiz aus. Er spielt Rollen, wechselt Identitäten, aber er bleibt sich selbst gegenüber ehrlich genug, das eigene Spiel als Täuschung zu begreifen. Wolfram Weimer hingegen bewegt sich nicht auf dem schmalen Grat zwischen Schein und Sein, sondern richtet sich dauerhaft im Schein ein – ohne ihn je als solchen zu benennen.
Wo Krull den Betrug als Kunstform zelebriert und damit zumindest eine Form von Transparenz im Verborgenen wahrt, erscheint Weimers Wirken wie die Bürokratisierung der Täuschung: geschniegelt, vernetzt, anschlussfähig an die Macht – aber ohne jedes Eingeständnis und fern ab vom Volke. Der eine ist ein Hochstapler mit Bewusstsein für seine Rolle, der andere ein Funktionär des eigenen Systems. Exakt darin liegt das eigentliche Problem: Wo Täuschung nicht mehr als solche erkannt oder benannt wird, verliert sie ihren Skandal und wird zur Norm, während sich eine Bevölkerung mit der zunehmenden Marginalisierung eigener demokratischer Zugriffsmöglichkeiten abgefunden zu haben scheint.