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Die Illusion der Unantastbarkeit: Wie Frank-Walter Steinmeier die Wirklichkeit umgeht

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Glatt polierte Inhalte können mehr verschleiern als aufklären. Steinmeiers jüngster Text zeigt, wie gezielte Inszenierung politische Realität ersetzt und die wahrhaftige Demokratie untergräbt.
Zusammengefasst

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Es gibt Texte, die beschreiben eine Realität.
Und es gibt jene, die sie ersetzen.

Der jüngste »Gastbeitrag von Frank-Walter Steinmeier« für das Redaktionsnetzwerk Deutschland gehört eindeutig zur zweiten Kategorie: Es ist ein rhetorisch geschniegelt-poliertes Konstrukt, das weniger erklärt, als es überdeckt und dabei den Anspruch erhebt, über den Dingen zu stehen, während es sich sichtbar in ihnen verstrickt.

Bedrohung als politisches Instrument

Steinmeiers Text setzt früh einen zentralen Ton, indem er eine maximale Dringlichkeit behauptet. Wenn davon gesprochen wird, die Demokratie sei bedroht, wirkt das wie eine reale Zustandsbeschreibung, tatsächlich ist es vor allem ein politischer Rahmen, in dem sich alles Weitere bewegt. In diesem Sinne schreibt Steinmeier:

„Wir alle in Deutschland spüren es: Unsere Art zu leben, unsere Freiheit und Demokratie sind heute so bedroht wie seit Langem nicht mehr – durch Verächter der Demokratie im Innern, durch imperiale Großmächte von außen.“

Die Bedrohung selbst bleibt dabei auffallend unscharf. Sie wird nicht konkretisiert, nicht eingegrenzt, nicht differenziert. Genau diese Vagheit ist funktional: Sie erlaubt es, unterschiedliche Formen von Kritik, Opposition oder auch bloßes Unbehagen unter einen gemeinsamen Verdachtsraum zu stellen. Unschärfe ist hier kein Defizit. Sie ist ein strategisches Instrument. Denn wer nicht präzise benennt, wovon die Gefahr ausgeht, kann flexibel definieren, wer Teil dieser Gefahr ist.

Geschichte als moralischer Schutzschild

Steinmeier greift tief in die historische Erzählung der Republik – von der Märzrevolution 1848 bis zur Friedlichen Revolution 1989. Diese Bezugnahmen sind nicht zufällig gewählt, sondern folgen einer klaren Dramaturgie: Sie stellen eine Traditionslinie her, die direkt in die Gegenwart führt. Wenn er in diesem Zusammenhang davon spricht, man könne „stolz auf diese Traditionen“ sein, ist das zunächst eine harmlose Feststellung. In der konkreten Verwendung erfüllt sie jedoch eine andere Funktion: Sie verbindet die heutige politische Ordnung moralisch mit den historischen Kämpfen um Freiheit und Demokratie. In seinen eigenen Worten heißt das:

„Unsere Bundesrepublik erklärt sich nicht allein aus der Negation, aus dem „Nie wieder! […] Der Blick zurück zeigt, dass Demokratie in Deutschland selten eine Selbstverständlichkeit war, aber dass zu allen Zeiten mutige Frauen und Männer dafür gestritten und gekämpft haben. Kein Tag steht so sehr für dieses jahrhundertelange Ringen um Demokratie wie der 18. März. […] Die Geschichte erinnert uns daran, wie wertvoll Freiheit und Demokratie, Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit sind – und wie mühevoll und unter welchen Opfern sie einst errungen wurden.“

Das Problem liegt nicht im Verweis auf die Geschichte, sondern in seiner Einseitigkeit. Vergangenheit wird hier nicht als Prüfstein genutzt, sondern als Legitimation. Sie dient weniger dazu, die Gegenwart kritisch zu hinterfragen, als sie gegen Kritik abzuschirmen. Geschichte wird damit vom Spiegel zum Schutzschild.

Das perfekte Deutschland

Ein zentraler Baustein diser Rede ist das Idealbild eines funktionierenden Gemeinwesens. Wenn dort ein Deutschland beschrieben wird, „in dem alle ihre Meinung äußern können“, entsteht der Eindruck eines weitgehend konfliktfreien Zustands. Auffällig ist dabei nicht, dass dieses Ideal formuliert wird, sondern dass die bestehenden Spannungen vollständig ausgeblendet bleiben. Denn die Frage, wie frei Meinungsäußerung im gesellschaftlichen Alltag tatsächlich erlebt wird, ist längst selbst Gegenstand intensiver Debatten. Zwischen formaler rechtlicher Freiheit, gesellschaftlichem Druck und öffentlicher Ächtung klafft ein Spannungsfeld, das in Steinmeiers Rede einfach nicht vorkommt. Meldestellen, polizeiliche Hausdurchsuchungen, gesellschaftliche Ächtung. All das sind längst Alltagserfahrungen, die in dieser glänzenden Darstellung einfach ausradiert werden. Genau auf diesem makellosen Bild baut Steinmeier seine Mahnung auf:

„Ein Deutschland, in dem alle ihre Meinung äußern und demonstrieren können, in dem die Menschen unabhängig von Geschlecht und Hautfarbe die gleichen Rechte haben, in dem alle nach ihrer Façon glauben und lieben können, in dem Leistung statt Herkunft den Erfolg bestimmt, in dem Kunst, Wissenschaft und Medien frei sind und nicht Regierungen vorgeben, was auf den Bühnen gespielt, an den Hochschulen geforscht und im Fernsehen gesendet wird – von diesem Deutschland haben Generationen geträumt, sie haben dafür gekämpft und gelitten. Seit 1989 ist es Wirklichkeit für alle Deutschen. Dieses Deutschland dürfen wir nicht preisgeben.“

Hinter diesem Bild der makellosen Vollkommenheit verschwinden nicht nur bestehende Konflikte, sondern auch die Ambivalenzen und Widersprüche, die jede Gesellschaft prägen. Es gibt dort keine Ecken und Kanten, keine Graubereiche, keine Momente des Zweifelns oder Scheiterns. Alles erscheint homogen und widerspruchsfrei, als ob gesellschaftliche Realität auf einfache Behauptungen reduziert werden könnte. Das erzeugte Bild wirkt überzeugend, weil es vollständig und geschlossen erscheint, doch gerade diese Glätte verschleiert, dass das, was dargestellt wird, mehr Behauptung ist als Beschreibung. Die Komplexität des Alltags, die Brüche, Reibungen und Unsicherheiten bleiben unsichtbar – ersetzt durch ein Ideal, das sich jeder kritischen Betrachtung entzieht.

Symbolpolitik mit Ausschlussfunktion

Besonders fragwürdig wird seine politische Stoßrichtung, wenn es um nationale Symbole geht. Der Appell, Schwarz-Rot-Gold nicht kapern zu lassen, soll wie eine Verteidigung demokratischer Werte klingen, verschiebt die Debatte aber zugleich in ein moralisch aufgeladenes Terrain. Steinmeier konkretisiert diese Haltung und macht deutlich, wer nach seiner Lesart ein Anrecht auf diese Symbole hat und wer nicht:

„Wenn Extremisten heute ,Wir sind das Volk´ skandieren oder schwarz-rot-goldene Fahnen schwenken, dann gilt: Lassen wir uns die Geschichte und die Symbole unserer Demokratie nicht von jenen stehlen, die kein Anrecht darauf haben. Schwarz-Rot-Gold sind die Farben der freiheitlichen Demokratie und der europäischen Völkerfreundschaft, nicht der Nationalisten und Autoritären.“

Tatsächlich steckt darin jedoch eine implizite Grenzziehung. Denn wer definiert, wem diese Symbole zustehen und wem nicht, beansprucht Deutungshoheit über ihre Bedeutung. Das ist der fundamentale Unterschied: Symbole einer echten Demokratie gehören nämlich grundsätzlich allen, auch denjenigen, die mit der bestehenden Ordnung hadern oder sie kritisieren. Steinmeier macht jedoch kurzen Prozess: Wer ihm nicht passt, wer das »laut Steinmeier« „beste […] Deutschland, das es jemals gegeben hat“ infrage stellt, der gehört offenbar schon nicht mehr dazu. Was hier als sogenannter Schutz der Demokratie verkauft wird, entpuppt sich so als Exklusivrecht für Konforme. Sobald die legitime Nutzung von Symbolen an politische Konformität gebunden wird, verlieren diese ihren verbindenden Charakter und verwandeln sich in Instrumente der Abgrenzung.

Die Kunst des Weglassens

Die eigentliche Aussagekraft dieses Textes zeigt sich vor allem darin, was er konsequent verschweigt. Steinmeier malt ein verschobenes Gesamtbild, während die wirklich brennenden Konflikte systematisch unter den Teppich gekehrt werden. Dazu zählen der offenkundige Vertrauensverlust in politische Institutionen, die brisanten Spannungen in der Migrationspolitik und die drängenden Fragen innerer Sicherheit, die spürbaren wirtschaftlichen Belastungen und die Zukunftsängste breiter Bevölkerungsschichten sowie die ideologischen Grabenkämpfe im Bildungs- und Wissenschaftsbetrieb.

Diese Probleme sind keine Randphänomene, sie bestimmen den politischen Alltag. Ihr Fehlen in Steinmeiers Rede ist kein Versehen, sondern eine gezielte Entscheidung. Das Ergebnis ist ein glatt poliertes Narrativ, das jede Reibung elegant verschluckt, indem es die Realität unsichtbar macht. Man bekommt den Eindruck einer selektiven Wahrnehmung von Bedrohungen. Einige Gefahren werden grell ins Rampenlicht gestellt, andere verschwinden im Schatten oder werden gleich ganz verschwiegen. Das Resultat ist kein ehrliches Lagebild, sondern ein sorgfältig geformtes Narrativ, das Gewicht und Aufmerksamkeit nach politischem Geschmack und moralischem Komfort verteilt. Es ist ein rhetorisches Meisterstück der Verschleierung, das Konflikte und Widersprüche elegant ausblendet und den Zuhörer glauben macht, er sehe die volle Wahrheit, während hinter den Kulissen vieles unberührt bleibt. Steinmeier spricht von einem Deutschland:

„In dem alle nach ihrer Façon glauben und lieben können, in dem Leistung statt Herkunft den Erfolg bestimmt, in dem Kunst, Wissenschaft und Medien frei sind und nicht Regierungen vorgeben, was auf den Bühnen gespielt, an den Hochschulen geforscht und im Fernsehen gesendet wird – von diesem Deutschland haben Generationen geträumt, sie haben dafür gekämpft und gelitten.“

Wer diesen Beitrag analytisch betrachtet, erkennt, dass diese Strategie weniger Aufklärung als Inszenierung ist. Auch der sogenannte Extremismus wird nicht als komplexes, facettenreiches Problem behandelt, sondern als moralisches Schlagwort, das opportunistisch dort eingesetzt wird, wo es Steinmeier politisch passt. Er lenkt ab, dramatisiert ausgewählte Bedrohungen und kaschiert gleichzeitig die, die tatsächlich unbequem sind und eine echtes Problem für das Land darstellen.

Unsere Demokratie als Selbstbild, nicht als Zustand

Im Ergebnis zeichnet die Rede ein Deutschland, das in sich stabil, frei und weitgehend intakt erscheint. Wenn dann formuliert wird, dieses Deutschland, wie es ist, müsse man erhalten, wird dieses Bild zusätzlich emotional aufgeladen. Vor diesem Hintergrund klingt Steinmeiers kurze, aber gewichtige Mahnung wie ein Appell, der über jede Debatte hinwegsetzt:

„Dieses Deutschland dürfen wir nicht preisgeben.“

Die entscheidende Frage bleibt jedoch unbeantwortet: Handelt es sich dabei um eine Beschreibung der Realität oder um eine Projektion, die diese Realität überformt? Denn je stärker das Idealbild betont wird, desto weniger Raum bleibt für die Auseinandersetzung mit seinen Brüchen. Die Rede von Frank-Walter Steinmeier ist rhetorisch präzise, historisch aufgeladen und moralisch klar positioniert. Gerade diese Klarheit ist es, die sie politisch problematisch macht. Sie ersetzt Analyse durch normatives Framing, reduziert komplexe Konflikte auf moralische Kategorien und zeichnet ein Bild von einer ideologischen Demokratie, das seine eigenen Spannungen nicht mehr abbildet. Was hier von Steinmeier »zum Tag der Demokratiegeschichte« verteidigt wird, ist nicht die widersprüchliche, oft unbequeme Realität einer offenen Gesellschaft.

Indem Steinmeier die Realität zugunsten eines makellosen, moralisch aufgeladenen Idealbilds verschiebt, schränkt er die demokratische Debatte selbst ein. Wer den Rahmen der akzeptierten Kritik vorgibt, wer definiert, welche Symbole „rechtmäßig“ verwendet werden dürfen, und wer unbequeme Konflikte ausblendet, erzeugt eine exklusive Deutungshoheit – genau das, wogegen Demokratie eigentlich schützen soll. In diesem Sinne ist die Mahnung zur Bewahrung des „besten Deutschlands“ paradoxerweise eine Form der Gefahr: Sie verwandelt den demokratischen Diskurs in ein Instrument der Selbstlegitimation und moralischen Ausschließung. Wer so handelt, bedroht nicht nur die Meinungsvielfalt, sondern das demokratische Prinzip selbst.

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Janine Beicht

Janine Beicht ist gelernte Kommunikationsdesignerin, arbeitet aber seit 2020 im Gesundheits- und Sozialwesen. Als Aktivistin engagiert sie sich besonders auf dem Gebiet der Psychologie unter dem Aspekt der jeweiligen politischen Machtinteressen.

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