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Kaum ist die Münchner Sicherheitskonferenz vorbei, rätselt die Journaille, wer wohl der heimliche Star des alljährlichen Events war. Immer wieder, natürlich nur jenseits vom linken Lager, fällt der Name »Marco Rubio«. Im Gegensatz zu JD Vance, der Europa im Jahr zuvor frontal attackierte, blieb der US-Außenminister zunächst diplomatisch und scheute sich auch nicht vor versöhnlichen Tönen. Doch dabei blieb es nicht. So zeichnete er »in seiner Rede« ein düsteres Bild der „gefährlichen Illusion” einer globalen Ordnung, die nationale Interessen opfert, kritisierte den “Klima-Kult” und die Massenmigration. „Wir werden immer Kinder Europas bleiben”, sagte er, und betonte, dass die USA ein starkes Europa wollen, „nicht von Schuld und Scham gefesselt”.
Derselbe Rubio war 2016 noch ein erbitterter Gegner von Donald Trump, nannte ihn “Con Artist”, also einen Trickbetrüger, und warnte in den Primaries vor dessen spaltendem Populismus. Doch die Zeit hat ihn transformiert – oder vielleicht hat Trump ihn umgedreht? In München setzte er Zeichen für einen Kurswechsel weg von dogmatischem Freihandel und Souveränitätsverzicht. Immerhin hat Rubio diesen Wandel, was den heutigen US-Präsidenten betrifft, mit JD Vance gemeinsam. Obwohl sie verschiedener nicht sein könnten, haben sie ein Ziel: Donald Trump zu beerben.
Nur der Wille zum Aufstieg zählte
»Rubios Biografie erklärt«, warum er heute so tickt: Sie ist das Paradebeispiel für den American Dream in seiner unverfälschten Blütezeit – jener Epoche, in der Leistung trumpfte und nicht die Quote oder die Zwangsjacke der politischen Korrektheit. Als Sohn kubanischer Exilanten, die 1956 vor der Batista-Diktatur flohen und später den Schatten Castros spürten, wuchs er in Westchester, einem bescheidenen Viertel Miamis, auf. Seine Eltern, Mario und Oriales, kamen mit weniger als nichts aus: Der Vater mixte Drinks als Barkeeper in Las Vegas Casinos, half als Schulwegwächter aus und arbeitete in der Gastronomie, um die Miete zahlen zu können. Die Mutter putzte als Hotelzimmermädchen, kassierte als Kassiererin in einem Drugstore und sortierte Waren als Lagermitarbeiterin, oft neben ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter von vier Kinder.
Aus diesen einfachen Verhältnissen – harte, schlecht bezahlte Schichten, fernab sozialistischer Versprechungen – arbeitete er sich hoch: High School in South Miami, wo er Football spielte für ein Stipendium, dann Politikwissenschaften an der University of Florida und Jura an der University of Miami. Kein Silberlöffel, keine elitären Washington-Bünde, nur der Wille zum Aufstieg zählte, der ihn vom Anwalt über den Stadtrat von West Miami zum Sprecher des Florida House of Representatives führte.
2010 siegte er im Senat gegen den Establishment-Kandidaten Charlie Crist. Diese Herkunft ist der rote Faden zu Rubios konservativen Überzeugungen heute – eine pixelgenau treffende Absage an den Sozialismus, der in Kuba die Familie zerbrach und in Formen wie dem “dogmatischen Freihandel” oder der “Übertragung von Souveränität an internationale Organisationen” nachwirkt, wie er in München anprangerte. Die familiären Narben aus Kubas Desaster machen ihn zum unversöhnlichen Widersacher linker Fantasien: Sozialismus ist für ihn kein Experiment, sondern erlebter Horror, der Armut sät statt Prosperität.
Wird Rubio der nächste US-Präsident?
Und doch ist Rubio nicht unkritisch zu sehen. Neben seiner fragwürdigen Rolle im Zuge der Maduro Entführung: Seine Wandlung vom Trump-Kritiker – 2016 warf er ihm vor, die GOP zu spalten und Extremisten anzuziehen – zum loyalen Außenminister unter Trump wirkt für viele opportunistisch. In den Primaries attackierte er Trump scharf, nannte seine Hände „klein” in einem ziemlich kindischen Schlagabtausch. Heute preist er die „westliche Zivilisation” und mahnt Europa zur Stärke. Positiv ist, dass er Authentizität verkörpert, geerdet in realer Erfahrung und fernab elitärer Blasen. Die Frage bleibt, ob er sich zu sehr angepasst hat. Seine Rhetorik gegen den “Ende der Geschichte”-Mythos mag stimmen, aber birgt das Risiko, den Westen in Isolationismus zu treiben – ein Balanceakt, den er in München meisterte, aber der langfristig scheitern könnte.
Möglicherweise wird Rubio der nächste US-Präsident, in einem Kopf-an-Kopf-Rennen um die republikanische Kandidatur mit JD Vance, dem rustikalen Rust Belt Vize, der letztes Jahr die Europäer die viel zitierten Leviten las. Beide könnten nicht unterschiedlicher sein: Vance, der den Abstieg wie den Aufstieg der weißen Unterschicht wie kein zweiter verkörpert, gegen Rubio, den Latino-Konservativen, der den Aufstieg geschafft hat, allerdings ganz anders – das wäre ein Duell der Biografien, beides American Dreams, aber mit völlig unterschiedlichen Akzenten.
Eine Antwort
Das war die heutige Märchenstunde mit Julian Marius Plutz.