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Merz mag Trumps Iran-Politik missbilligen, doch sein Washington-Besuch unterstreicht eine unbequeme Realität: Die EU steht weltpolitisch am Rande und reagiert mehr, als dass sie gestaltet, eine Realität, die Europas politische Klasse lange verdrängt hat.
Beim dritten Treffen von Bundeskanzler Friedrich Merz und US-Präsident Donald Trump zeigte sich ein veränderter Ton. Nach der Charmeoffensive seines Antrittsbesuchs im Juni und dem auf den Ukraine-Krieg zugeschnittenen Termin im August brachte Merz diesmal eine Liste drängender Fragen mit nach Washington. Seine Worte unterstrichen die wachsende Besorgnis über unvorhersehbare Konsequenzen des US-Einsatzes gegen Teheran, einschließlich potenzieller Gegenschläge und dem Risiko eines regionalen Flächenbrands. Diese Ängste überlagerten jeden Glauben an eine stabile Verbesserung der Lage, während Merz gleichzeitig versuchte, den Dialog mit Trump aufrechtzuerhalten, obwohl sich die Positionen zusehends auseinanderbewegten. Der Kanzler fand sich in einer Rolle wieder, in der er wenig anzubieten hatte, sei es bei der Geopolitik oder beim Handel, und stattdessen mit der Realität konfrontiert wurde, dass Europas Einfluss in globalen Angelegenheiten schwindet. Trump hingegen nutzte den Moment, um seine Agenda voranzutreiben, inklusive Lob für Deutschland und scharfer Angriffe auf andere Verbündete, was die Spaltungen innerhalb der EU und NATO offenlegte. Diese Dynamik unterstreicht die wachsende Abhängigkeit Europas von US-Entscheidungen, der Merz trotz aller Bemühungen nichts entgegenzusetzen hatte.
Lob für den Devoten und Tiraden gegen die Ungehorsamen
Im Weißen Haus inszenierte Trump ein Treffen, das weniger ein Dialog zwischen Gleichberechtigten war als eine Demonstration seiner Dominanz, bei der Merz weitgehend die Statistenrolle zukam. Der US-Präsident übernahm die Regie, blickte hauptsächlich in die Vergangenheit und pries seine Erfolge im Iran und Venezuela, während er Barack Obamas Politik als Versagen brandmarkte und erneut seine Wahlniederlage gegen Joe Biden als gestohlen darstellte. Merz, der nur wenige Minuten Redezeit erhielt, hielt sich zurück, wissend, dass Widerspruch hier kontraproduktiv wäre, und vermied es, offene Kritik zu üben, um keine Angriffsfläche zu bieten. Stattdessen stimmte er in Trumps Narrative ein, wo es opportun erschien, etwa bei der Bewertung früherer deutscher Politiken unter Angela Merkel, die Trump als schädlich für Migration und Energie darstellte, im Kontrast zu Merz‘ Ansatz. Diese Haltung ermöglichte es Trump, Merz als „Freund“ und „ausgezeichneten Anführer“ zu loben, was die persönliche Chemie unterstrich, die seit Monaten durch regelmäßige Telefonate gepflegt wird.
HAPPENING NOW: President Donald J. Trump and German Chancellor Friedrich Merz meet in the Oval Office and discuss crucial matters like Operation Epic Fury, Iran, and trade. 🇺🇸🇩🇪 pic.twitter.com/9nBqIEj5NL
— The White House (@WhiteHouse) March 3, 2026
Doch hinter diesem Glanz verbarg sich die bittere Wahrheit, dass Merz‘ Strategie der Nähe an ihre Grenzen stößt, da er keine substantiellen Zugeständnisse erzielt. Trump nutzte die Gelegenheit, um seine Berater einzubeziehen, darunter den Außenminister Marco Rubio, den Vize-Präsidenten JD Vance, den Verteidigungsminister Pete Hegseth und den Handelsbeauftragten Jamieson Greer, der Deutschland als konstruktiv im Handel beschrieb. In einem Moment scheinbarer Leichtigkeit fragte Trump lachend, ob man Deutschland hart treffen solle, und schlug Merz dabei auf das Bein, eine Geste, die die latente Bedrohung unter der Oberfläche offenbarte. Solche Episoden enthüllen die Asymmetrie, in der Merz wie ein unterwürfiger Manager agiert, der den Chef nicht verärgern will, während Trump die Narrative diktiert und Europas Schwäche ausnutzt.
Während des Treffens erweiterte Trump seine Attacken auf europäische Verbündete, insbesondere Spanien, das er als „unfreundlich“ und „schrecklich“ bezeichnete, weil es die Nutzung seiner Militärbasen für Angriffe auf den Iran verweigert und bei NATO-Ausgaben zurückbleibt. »Wörtlich sagte er«:
„Einige europäische Länder wie Spanien haben sich schrecklich verhalten.“
»Trump drohte« damit, alle Deals mit Madrid einzustellen, und wies Finanzminister Scott Bessent an, entsprechende Schritte zu prüfen, was die wirtschaftlichen Druckmittel unterstreicht, die er einsetzt, um Gehorsam zu erzwingen. Merz pflichtete bei, indem er Spanien als einziges Land kritisierte, das dem vereinbarten NATO-Ziel nicht folge, doch er widersetzte sich der Idee isolierter Verträge und mahnte Trump, dass man nicht mit Deutschland oder Europa abschließen könne, ohne Spanien einzubeziehen. Ähnlich hart fiel »die Kritik an Großbritannien« aus, wo Trump Premierminister Keir Starmer als weit entfernt von Winston Churchill darstellte und das Verhalten Londons als „schockierend“ brandmarkte, da es zunächst die Nutzung britischer Stützpunkte verweigerte und erst nach Zögern für defensive Zwecke einlenkte. Diese Angriffe, die Merz schweigend ertrug, ohne seine Verbündeten zu verteidigen, illustrieren die Spaltungstaktik Trumps, die Europa weiter schwächt und Merz in eine defensive Position drängt.
Notwendige Intervention oder risikoreiches Abenteuer
Der Krieg gegen den Iran dominierte das Treffen und enthüllte tiefe Risse in der transatlantischen Allianz, obwohl Merz und Trump oberflächlich Einigkeit demonstrierten. »Merz betonte« die Übereinstimmung, dass das Regime in Teheran beseitigt werden müsse:
„Wir sind uns einig, dass dieses schreckliche Regime in Teheran beseitigt werden muss.“
We are on the same page: This terrible regime in Tehran must go. We will talk about the day after. And we must talk about Ukraine. We want an end to these wars. pic.twitter.com/s3rwcIL1fh
— Bundeskanzler Friedrich Merz (@bundeskanzler) March 3, 2026
Zudem verteidigte er den US- und israelischen Angriff als begründet, da der Iran kurz davor stehe, Atomwaffen zu besitzen, mit Trägerraketen und angereichertem Material, und zwar nur Wochen vom Zusammenbau entfernt. Die Diplomatie über Jahrzehnte habe versagt, und es gebe Momente, in denen Handeln unerlässlich sei, um Schlimmeres zu verhindern.
Dennoch drängte Merz auf eine Strategie für die Zeit nach dem Konflikt, einschließlich politischer Perspektiven und Sicherheitsstrukturen, da die Militäroperation Risiken birgt, wie Eskalation durch iranische Gegenschläge und die Unsicherheit bleibt, ob externer Druck einen inneren Wandel ermöglicht. Trump hingegen pries den Einsatz als notwendig, da Verhandlungen in Genf gescheitert seien, wo iranische Vorschläge voller Löcher gewesen seien und Teheran nur Zeit schinden wollte, um eine Atombombe zu bauen. Er lobte Deutschland für die problemlose Erlaubnis der Nutzung des Luftwaffenstützpunkts in Ramstein, im Kontrast zu anderen Ländern, und versicherte, keine Bodentruppen von Berlin zu fordern. Diese Haltung unterstreicht Trumps Alleingang, der Europa marginalisiert und Merz ohne echte Einflussmöglichkeit lässt.
Beide adressierten auch die wirtschaftlichen Folgen, wie steigende Ölpreise, die Merz als schädlich für das wirtschaftliche Wachstum ansieht, weswegen er ein schnelles Ende des Kriegs forderte. Trump prognostizierte sinkende Preise nach dem Sieg.
»In einem Tagesschau-Interview« nach dem Treffen erläuterte Merz seine Haltung zum Völkerrecht, das er als gültig betrachtet, doch in Fällen, wo Verhandlungen scheitern und Gegner sich nicht daran hielten, stoße es an Grenzen.
„Was macht man denn in einer Situation, wo über Jahrzehnte auf der Basis des Völkerrechts verhandelt worden ist und das Gegenüber nicht nur nicht bereit ist, keinen Vertrag zu schließen, sondern im Gegenteil ein atomares Waffenarsenal immer weiter aufbaut?“
Merz warnte davor, in Mitverantwortung für einen zu späten Eingriff zu geraten, und betonte, dass Deutschland nicht mit zweierlei Maß messe, sondern auf Einhaltung der Regeln hinarbeite, was eine kritische Balance zwischen Prinzipien und Pragmatismus offenlegt.
Europas Unsicherheit und Trumps Drucktaktik
Der Handelskonflikt zwischen den USA und der EU eskalierte im Kontext des Besuchs weiter, »da Merz vergeblich auf Klarheit drängte«, um das im Juli 2025 ausgehandelte Abkommen umzusetzen, das europäische Zölle auf 15 Prozent begrenzen soll. Im danach folgenden »Gespräch mit der Tagesschau« äußerte Merz:
„Wir zahlen 15 % Zölle, die Amerikaner 0 %. Schlechter zu unseren Lasten geht nicht mehr. Ich habe es ihm freundlich und friedlich gesagt, aber das sollte jetzt die Basis auch einer entsprechenden Verabredung sein, die wir dann auch unterzeichnen und ratifizieren. Na, ganz abgesehen, dass die Auswirkung dieses Krieges auf die Wirtschaft auch auf den herbeigesehnten Wirtschaftsaufschwung ja auch noch sehr schwerwiegende sein können.“
Merz forderte ein baldiges Inkrafttreten, um Unsicherheiten zu mindern, doch Trump blieb ausweichend. Die jüngste Entscheidung des Supreme Court gegen Trumps Zölle hatte bereits Ungewissheit geschürt, und der Iran-Krieg verstärkte dies, während Trump die Niederlage als Sieg umdeutete, der ihm freie Hand lasse. Diese Haltung spiegelt Trumps Agenda wider, die europäische Interessen ignoriert und Merz‘ Einfluss minimiert, trotz der persönlichen Gunst. US-Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte im Vorfeld, wie »die WELT berichtet«, die Alliierten als „händeringend“ und „herumlavierend“ verspottet, wenn es um militärische Gewalt gehe, was die rhetorische Härte unterstreicht.
„Wie wir von Anfang an gesagt haben, sind fähige Partner gute Partner – im Gegensatz zu so vielen unserer traditionellen Verbündeten, die die Hände ringen und sich theatralisch empören und herumlavieren, sobald es um den Einsatz militärischer Gewalt geht.“
»Senator Lindsey Graham nannte Spanien« den Inbegriff eines „erbärmlich“ schwachen Beispiels europäischer Führung, die ihren moralischen Kompass verloren habe, und Trump drohte, keinen Handel mehr mit Madrid zuzulassen. Merz‘ Versuch, diese Drohungen beim Essen abzumildern, indem er isolierte Deals ablehnte, zeigt die Grenzen seiner Strategie, die Europa nicht vor Trumps Willkür schützt.
Ukraine: Frontlinien und die Illusion des Einflusses
Trotz der Schwerpunkte auf dem Iran und dem Handel blieb der Ukrainekrieg ein zentrales Thema. Merz drängte Trump dazu, die diplomatischen Bemühungen zu verstärken und den Druck auf Russland zu erhöhen. Gemeinsam betrachteten sie eine Karte der Ukraine, wobei Merz die strategische Bedeutung der aktuellen Frontlinie hervorhob und betonte, dass sie gehalten werden müsse. Im anschließenden direkten Gespräch mit der Presse äußerte Merz:
„Wir haben uns noch mal die Karte der Ukraine angeguckt. Ähm und das war, glaube ich, auch wichtig. Ich habe ihm noch mal deutlich gemacht. Die Frontlinie, die die Ukraine jetzt hält, muss bleiben und darf nicht nach Westen weiter verschoben werden.“
Trump habe versichert, dass der Konflikt oben auf seiner Liste stehe, doch Merz erhielt keine konkreten Zusagen, was die anhaltenden Divergenzen unterstreicht. Diese Diskussionen, die Merz als Beitrag zum Verständnis lokaler Gegebenheiten sah, offenbaren die Machtlosigkeit Europas, da Trump keine echten Schritte einleitet, während Merz‘ Appelle verhallen.
Europas Irrelevanz und Merz‘ bittere Bilanz
Diese Inszenierung wiederholte erneut das klassisches Szenario: Der amerikanische Präsident dominiert das Gespräch, während die europäischen Gäste still danebensitzen. Merz verharrt in stoischer Zurückhaltung, lächelt höflich, widerspricht nicht und vermeidet jeden Anlass für weitere Attacken.
Das Resultat ist ernüchternd. Zugang zu Gesprächen hat er, freundliche Worte und Zusicherungen zur Truppenpräsenz bekommt er auch. Doch in den wirklich entscheidenden Fragen, Iran, Handelsabkommen, Druck auf Russland wegen der Ukraine, bleibt er weiterhin ohne nennenswerte Erfolge. Die Reise offenbart weniger politische Durchbrüche als eine Lehrstunde in Realpolitik: Europas Einfluss schmilzt dahin, solange es militärisch abhängig und wirtschaftlich erpressbar bleibt. Washington bestimmt die Spielregeln, Berlin folgt untergeben den Linien.