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Ein Kommentar von Bernd Liske
„Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen.
Man muss sie erkennen und man muss sich ihnen stellen.“
»Bernd Liske / 𝕏«
Es gibt eine Kälte, die wir mögen und die uns stärkt. Sie weckt. Ein kalter Morgen, ein weiter Weg, der erste Schritt ins Freie: Der Körper zieht sich zusammen, atmet tiefer, wird wach. Dass Bewegung und moderate Belastung Gesundheit und Widerstandskraft fördern können, ist gut belegt. Auch kaltes Duschen aktiviert den Organismus, steigert die Wachheit und stärkt das Immunsystem. Wir setzen uns dieser Kälte aus – wir setzen uns mit ihr aktiv auseinander –, weil wir um ihre positiven Wirkungen wissen.
Es gibt jedoch eine zweite Kälte, der sich zu stellen uns deutlich schwerer fällt. Sie ist sozial. Sie entsteht, wenn Menschen einander als Risiko behandeln – als Störung, als falsche Zugehörigkeit, als moralisches Problem. Sie entsteht, wenn Auseinandersetzung nicht mehr als Voraussetzung von Erkenntnis gilt, sondern als Zumutung. Wenn das Gespräch miteinander, das uns zu Bürgern macht, durch Schweigen ersetzt wird – oder durch das Reden über andere, statt mit ihnen übereinander zu sprechen. Es ist die Kälte, die ich in meinem Essay »Der betreute Mensch« beschreibe: Eine Gesellschaft der Gleichgültigkeit, die hinnimmt statt zu prüfen, die vermeidet statt sich auseinanderzusetzen.
Wie wäre es, wenn wir uns auch dieser Kälte aussetzen: Im Sinne eines Trainings, um unsere Abwehrkräfte zu stärken? Wenn wir der Kälte der Angst, der Vereinfachung und der bequemen Gefolgschaft unsere Wärme entgegensetzen, unsere Haltung, unsere Beständigkeit – um so auf das gesellschaftliche Klima zu wirken. Wenn wir uns einmischen: In das, was wir als falsch erkennen, in das, was uns – und noch mehr unseren Kindern und Enkeln – sicher auf die Füße fallen wird? Wenn wir in dem Bewusstsein kritisieren, das Beste für den Gegenüber, die Gruppe oder die Gesellschaft zu wollen. Kritik ist eine der wertvollsten Formen des Dienens. Sie setzt Achtung und Sympathie voraus, denn sie hilft, besser zu werden und Fehler zu vermeiden. Wenn wir das auch tun, wenn es schwerfällt, es tun, wenn andere zurückweichen: Was würde das mit uns machen?
Sophie Scholl: Erinnerung oder Auftrag?
Am 9. Mai jährt sich der Geburtstag von Sophie Scholl zum 105. Mal. Wie an solchen Gedenktagen üblich, wird es wieder viele wohlfeile Worte geben: Wahrgenommen, hingenommen – und am nächsten Tag vergessen. Doch dieser Tag kann mehr sein als ein Ritual. Er ist eine Gelegenheit, Fragen neu zu stellen: Wie wird aus Anpassung Auseinandersetzung? Wie wird aus Schweigen Widerspruch? Wie aus Hinnahme Urteilskraft? Und, wie führen wir diese Auseinandersetzung so, dass sie uns nicht trennt: Denn wir sind ein Volk, das nur zusammen eine Zukunft hat.
Sophie Scholl und die Weiße Rose sind nicht bedeutsam, weil sie perfekt gewesen wären. Sie sind bedeutsam, weil sie in einer Umgebung radikaler Unfreiheit entschieden, nicht länger zu schweigen. Sie handelten in einer Zeit, in der Widerspruch lebensgefährlich war. Die Weiße Rose war kein Symbol, sondern ein Kreis von Menschen im München der Kriegsjahre: Sophie und Hans Scholl, Alexander Schmorell, Christoph Probst, Willi Graf, Professor Kurt Huber und andere. Sie lasen. Sie diskutierten. Und irgendwann genügte ihnen das nicht mehr. 1942/43 verfassten und verbreiteten sie sechs Flugblätter gegen die NS-Diktatur. Beim Auslegen des sechsten wurden Sophie und Hans Scholl verhaftet.
Man kann diese Fakten kennen – und doch nichts verstanden haben. Denn entscheidend ist nicht nur, was geschah, sondern was es bedeutete, es zu tun – und es in der Zeit zu tun. Das Handeln lässt sich nicht erklären ohne Einordnung in die Zeit, in der es wirkt. Und man kann heute nicht aus diesem Handeln lernen, wenn man den zivilisatorischen Fortschritt nicht berücksichtigt. Jede Zeit hat ihre eigenen Herausforderungen: Man muss sie erkennen – und sich ihnen stellen.
Dass es systemische Parallelen gibt, steht außer Zweifel. Wer auf die Zeit ab 1933 blickt, erkennt nicht nur politische Radikalisierung, sondern auch eine Verschiebung im Denken: Wirklichkeit wurde vereinfacht, Widerspruch delegitimiert, Eindeutigkeit eingefordert. Aus Auseinandersetzung wurde Einordnung, aus Differenzierung Entscheidung. Vergleichbare Entwicklungen lassen sich auch in der „Zeitenwende“ beobachten. Das erneute Bemühen, sicherheitspolitische Spannungen zu erhöhen, erfordert ein vereinfachtes Denken, das politische Entscheidungen nicht mehr hinterfragt. Komplexität wird zur Belastung, Differenzierung zur Zumutung. An ihre Stelle treten Abkürzungen: Freund oder Feind. Richtig oder falsch. Alternativlos.
In diesem Prozess verfestigen sich Deutungsmuster, die politische Orientierung schaffen sollen, dabei aber den Raum für abweichende Perspektiven verengen. Feindbilder haben Konjunktur. Sie werden emotional aufgeladen, sie strukturieren Wahrnehmung, sie ordnen Wirklichkeit und sie liefern scheinbare Klarheit. Was der Legitimierung politischen, militärischen und weiteren Handelns dient, wirkt zugleich lähmend auf eine Gesellschaft, die sich an diese Form der Orientierung gewöhnt. Ein solches Handeln fordert nicht Auseinandersetzung, sondern Einordnung, nicht Prüfung, sondern Akzeptanz. Nicht das Feindbild ist das Problem, sondern das Denken, das sich an ihm genügt. Denn dieses Denken verliert die Fähigkeit, zwischen Wirklichkeit und Deutung zu unterscheiden. Es nimmt die angebotene Ordnung an – und hält sie für Erkenntnis.
Die Folgen sind gravierend. Wer sich einordnet und akzeptiert, muss nicht mehr nachdenken. Gleichgültigkeit wird auch in der „Zeitenwende“ zur Währung. Je größer die gedankliche Angleichung an vorgegebene Zielsetzungen, desto geringer der innere Widerstand. Freiheit wird nicht als Raum des Denkens verstanden, sondern ist eine erkaufte Freiheit: Sie verspricht Zugehörigkeit und soziale Stabilität durch die Übernahme geforderter Haltungen.
„Das Heilige Römische Reich hat erstochen und gekreuzigt. Im Mittelalter wurde gehenkt und verbrannt. Im 20. Jahrhundert wurde erschossen und vergast. In der Demokratie wird ignoriert und totgeschwiegen.“
»Bernd Liske / Aphorismen«
Eine solche Angleichung braucht keine offene Anweisung. Sie entsteht durch Wiederholung, durch Erwartung, durch das stille Wissen darum, was als sagbar gilt. Sie entsteht durch das, was nicht mehr gesagt wird. Durch das, was nicht mehr gefragt wird. Durch das, was man sich nicht mehr zu denken erlaubt. Gerade darin liegt ihre Wirksamkeit. Denn sie macht es schwerer, den Mantel der Gleichgültigkeit zu zerreißen: nicht, weil Widerstand unmöglich wäre, sondern weil die Voraussetzungen für eigenständiges Denken schleichend erodieren.
Und doch gibt es einen relevanten zivilisatorischen Fortschritt. Wer heute in Deutschland eine Meinung äußert, riskiert im Regelfall nicht sein Leben. Wer 1943 öffentlich Kritik am Terrorregime übte oder zum Widerstand aufrief, handelte gegen eine Ordnung, die sich nicht der Debatte stellte, sondern ihr mit Verhaftung, Verhör, Schauprozess und Todesurteil entgegentrat. Sich der Debatte zu entziehen, hat sich nicht aufgelöst. Es hat sich verändert. Es ist weniger sichtbar geworden, weniger greifbar, aber nicht weniger wirksam.
Wehrhaftigkeit beginnt im Denken
Repression tritt heute selten offen auf. Sie wirkt nicht primär durch Gewalt, sondern durch Struktur. Durch Einordnung, durch soziale Sanktionierung, durch die Verschiebung dessen, was sagbar erscheint. Nicht das Verbot steht im Vordergrund, sondern das Klima. Widerspruch wird nicht notwendigerweise unterdrückt – aber er wird erschwert. Er kostet Reputation, Anschlussfähigkeit, Zugehörigkeit. Er verlangt mehr Kraft als das Mitgehen. So entsteht eine andere Form von Anpassung – nicht mehr erzwungen durch unmittelbare Bedrohung, sondern begünstigt durch Gewöhnung, Bequemlichkeit und die lautlose Wirkung sozialer Mechanismen. Und aus dieser Anpassung wächst eine Kraft, die stärker ist als jede offene Repression: Gleichgültigkeit.
„Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Kunst ist nicht Hässlichkeit, sondern Gleichgültigkeit. Das Gegenteil von Glauben ist nicht Ketzerei, sondern Gleichgültigkeit. Und das Gegenteil von Leben ist nicht der Tod, sondern Gleichgültigkeit. Wegen der Gleichgültigkeit stirbt man, bevor man tatsächlich stirbt.“
Elie Wiesel (1928 – 2016) Schriftsteller, Friedensnobelpreisträger, Holocaust-Überlebender
Gleichgültigkeit ist die stabilste Form der Herrschaft. Sie braucht keine Gewalt, keine Drohung, keine Überzeugung. Sie genügt sich selbst. Sie sorgt dafür, dass das, was gesagt werden müsste, nicht gesagt wird. Dass das, was gedacht werden könnte, nicht gedacht wird. Dass das, was möglich wäre, nicht mehr als Möglichkeit erscheint. Doch diese Form der Herrschaft hat ihren Preis: Gleichgültigkeit breitet sich wie ein Virus in der Gesellschaft aus und macht sie krank.
Deshalb ist die Fehlinterpretation der Wehrhaftigkeit eine der größten Gefahren unserer Zeit. Wehrhaftigkeit wird auf Aufrüstung reduziert, auf Feindbilder, auf Stärke. Doch eine Demokratie ist nicht dadurch wehrhaft, dass sie sich abschottet, sondern dadurch, dass sie von innen her standhält. Wehrhaftigkeit erwächst nicht aus der Waffe, sondern aus dem Urteil – nicht aus dem Gegner, sondern aus dem Umgang mit ihm. Eine Demokratie verteidigt sich nicht durch Härte, sondern durch ihre Fähigkeit zur differenzierten Auseinandersetzung. Und dafür muss sie den Mantel der Gleichgültigkeit zerreißen.
„Die Kraft des Guten entfaltet sich nicht über die Mittel des Bösen.“
»Bernd Liske / 𝕏«
Auch das, was sich als Alternative versteht, verfehlt das, worauf es ankommt. Wer meint, sich profilieren zu können, indem er die gleichen Mittel einsetzt wie die, die er kritisiert, verstärkt das Problem, das er zu lösen vorgibt. Wer Feuer mit Feuer bekämpft, trägt zur Ausbreitung des Brandes bei. Eine Alternative entsteht nicht durch neue Feindbilder, sondern durch einen Umgang, der von Achtung, Wahrheit, Dialogbereitschaft und der Suche nach Gemeinsamkeiten geprägt ist – nicht zuletzt gemeinsamen Zielen. Nicht durch die Bekämpfung des Gegners, sondern durch die Gewinnung des Gegenübers.
Gerade darin liegt die Herausforderung unserer Zeit. Denn eine Gesellschaft, die nicht mehr offen zum Schweigen gezwungen wird, kann dennoch verlernen, zu sprechen. „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den ihr um euer Herz gelegt!“, wie es die Weiße Rose forderte, reicht damals wie heute nicht aus. Denn die Bereitschaft, den Mantel zu zerreißen, erfordert auch die Auseinandersetzung mit der Frage, wie das bewerkstelligt werden soll. Die Flugblätter geben darauf keine klare Antwort. Sie fordern zur Trennung auf, zur Tat, zum Bruch. Doch sie zeigen nicht, wie dieser Bruch im Einzelnen zu vollziehen ist. Sie verweisen auf den Mut – aber nicht auf die Methode. Wenn damals nur blieb, Feuer mit Feuer zu bekämpfen, so ist das heute keine Lösung. Jede Zeit muss ihre eigene Form der Auseinandersetzung entwickeln.
Heute bedeutet Abhärtung nicht, sich gegen Gewalt zu wappnen, sondern gegen innere Erosion. Gegen die Bequemlichkeit, sich einzuordnen. Gegen die Versuchung, Komplexität zu vermeiden. Gegen die Neigung, das Denken abzugeben. Gleichgültigkeit lässt sich nicht mit Gleichgültigkeit bekämpfen. Sie verlangt nach Wärme: der Wärme der Achtung, der Aufmerksamkeit, der ernsthaften Auseinandersetzung. Sie verlangt nach der Bereitschaft, dem anderen als Menschen zu begegnen – und nicht als Funktion, nicht als Gegner, nicht als Problem. Zivilisatorischer Fortschritt zeigt sich nicht nur darin, dass wir mehr dürfen – sondern darin, dass wir besser mit dieser Freiheit umgehen.
Indem ich mich auseinandersetze, bekämpfe ich meine eigene Gleichgültigkeit. Nicht erst im Großen, sondern schon im Kleinen: in der Familie, im Beruf, im Alltag, im Gespräch. Dort entscheidet sich, ob eine Gesellschaft fähig ist, sich selbst zu korrigieren. Nur die umfassende Auseinandersetzung ist in der Lage, den verhärteten Boden der Gleichgültigkeit aufzubrechen und Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass neues Denken entstehen kann – und mit ihm neues Handeln.
Sophie Scholl wuchs in ihrer Zeit über deren Gleichgültigkeit hinaus, doch sie konnte sie nicht besiegen und ihre Folgen nicht begrenzen. Indem wir uns der Mittel bewusst werden und sie anwenden, um erfolgreicher zu wirken und auf ein Volk der Gemeinsamkeiten hinarbeiten, können wir ihr Andenken würdigen – und hoffen, dass unser Land nicht erneut einem ähnlichen Schicksal entgegengeht.
„Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keine Ignoranz, keine Selbstgefälligkeit, keine Dummheit, keinen Trick, keinen Schwindel, keinen Betrug, kein Laster, dass der Auseinandersetzung und der Offenlegung vorenthalten bleiben soll. Begegnet ihrer fehlenden Achtung durch Achtung, offenbart ihr Schweigen als Feigheit, ihre Logik als verlogen, ihre Reden zum Eigen- statt Gemeinnutz, ihre Intriganz anstelle ihrer Integrität, doch macht sie nicht vor aller Augen lächerlich, denn wir sind ein Volk, das nur zusammen eine Zukunft hat: Macht euch nicht mit ihnen gemein, sondern verändert euch durch die Auseinandersetzung mit ihnen. Und früher oder später wird die Meinung der Öffentlichkeit den Wert erkennen. Die Auseinandersetzung und die Wahrheit allein genügen wahrscheinlich nicht – aber sie sind die einzigen Mittel, ohne die alle anderen versagen.“
»Bernd Liske / Liskes Blickwinkel«
Bernd Liske (Jg. 1956 / studierter Mathematiker) ist Inhaber von Liske Informationsmanagementsysteme. Von 1999 bis 2015 war er Mitglied im Hauptvorstand des BITKOM. In seinen Büchern und Artikeln setzt er sich mit sozialen, politischen und wirtschaftlichen Problemen unserer Gesellschaft auseinander, um so Beiträge für die Erhaltung des Wirtschaftsstandortes Deutschland zu leisten.
Die in seinem Buch »Aphorismen für die Menschwerdung des Affen – Wie der Mensch zum Menschen und wie die Demokratie ihrem Anspruch gerecht werden kann« veröffentlichten Aphorismen betrachtet er als Open-Source-Betriebssystem zur Analyse und Gestaltung individueller, unternehmerischer und gesellschaftlicher Prozesse. Das den Aphorismen vorangestellte Essay über die „Auseinandersetzung als Beitrag für die Menschwerdung des Affen“ beschäftigt sich insbesondere mit der Natur der Demokratie und stellt Wege zur Diskussion, wie die westlichen Demokratien eine nachhaltige Zukunft gestalten können.