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Die Jobs der Minijobber in Gefahr
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CDU-Minijob-Reform: Sozialer Fortschritt oder Etikettenschwindel?

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Markus Haintz
Unter dem Deckmantel der Verantwortung sollen Minijobs neu strukturiert werden. Eine Reform, die mehr Sicherheit verspricht, bringt vor allem höhere Belastungen.
Zusammengefasst

Der Arbeitnehmerflügel der CDU präsentiert sich kurz vor dem Bundesparteitag Ende Februar 2026 als Retter der sozial Schwachen und enthüllt einen Antrag, der bis zu acht Millionen Minijobber direkt ins Visier nimmt. Der »STERN« hat Inhalte des Papiers veröffentlicht und präsentiert den Vorstoß als mutigen Schritt gegen prekäre Beschäftigung. Doch bei genauer Betrachtung entpuppt sich der Plan als klassische Umverteilungsmaßnahme: mehr Zwangsabgaben von den Ärmsten, um den Sozialkassen frisches Geld zuzuführen, während die Betroffenen real weniger in der Tasche haben.

Die Minijob-Falle – wer hat sie eigentlich gebaut?

Der Antrag beklagt, Minijobs hätten sich von einem Übergangsmodell zu einer Parallelwelt entwickelt, die arbeitsrechtliche Standards absenke, Schwarzarbeit begünstige und den Wettbewerb verzerre. Der Text formuliert es folgendermaßen:

„Aus einem Übergangsmodell ist eine Parallelwelt der Arbeit geworden. […] Minijobs führen zu Absenkungen arbeitsrechtlicher Standards, begünstigen Schwarzarbeit und verzerren den Wettbewerb.“

»Antrag des CDU-Arbeitnehmerflügels | STERN«

Diese Kritik klingt hart, übersieht jedoch geflissentlich, dass genau diese Union jahrzehntelang die Minijob-Grenzen angehoben und das Modell als Flexibilitätswunder gefeiert hat. Nun, da die Konsequenzen, Altersarmut vor allem bei Frauen unübersehbar werden, schiebt man die Schuld auf das System selbst anstatt auf die jahrelange politische Förderung.

Mehr Netto? Eher weniger – und das ist gewollt

Der Kernvorwurf des Papiers lautet, Minijobs stünden außerhalb der Logik des Sozialstaats:

„Der vermeintliche Vorteil ‚mehr Netto‘ entpuppt sich als Verlust an Sicherheit. Menschen, die Solidarität am dringendsten bräuchten, stehen im Alter und in Notlagen mit leeren Händen da.“

»Antrag des CDU-Arbeitnehmerflügels | STERN«

Das ist zynisch. Der Vorteil „mehr Netto“ wird nicht etwa durch höhere Löhne erkauft, sondern durch Wegfall von Abgaben, und genau diesen Vorteil will die CDU nun streichen. Die Reform sieht vor, bestehende Minijobs schrittweise in voll sozialversicherungspflichtige Jobs umzuwandeln. Wenige Ausnahmen sollen nur noch für Schüler, Studierende, Rentner und streng limitierte Nebenjobs gelten. Verbleibende Minijobs bekommen eine eigene Steuerklasse mit höheren Sozialabgaben, um wenigstens minimale Absicherung zu erzwingen. Stefan Nacke, Initiator und Chef des Arbeitnehmerflügels, versucht, den Plan als ausgewogen zu verkaufen:

„Unser Ziel ist kein pauschaler Bruch, sondern eine kluge Neuordnung. Dort, wo Minijobs zur Dauerkonstruktion werden, wollen wir Perspektiven öffnen: mit Übergangsfristen und einfacher Bürokratie – ohne neue Hürden für echte Nebenverdienste.“

»Stefan Nacke | STERN«

»Die Zahlen« sprechen eine vernichtende Sprache: 2025 waren 2,6 Millionen Frauen und 1,8 Millionen Männer ausschließlich in Minijobs tätig. Frauen machen mit 63 Prozent den weitaus größeren Anteil aus und tragen das höchste Risiko, später in tiefer Altersarmut zu landen. Doch diese Menschen haben sich die Minijobs nicht aus Bequemlichkeit oder mangelndem Ehrgeiz ausgesucht. Viele haben schlicht keine andere realistische Wahl. Alleinerziehende Mütter, die zwischen Kita-Wartezeiten, Schulzeiten und Pflege von kranken Kindern jonglieren müssen, können keine 40-Stunden-Vollzeitstelle annehmen, selbst wenn sie wollten. Menschen mit chronischen Erkrankungen, mit pflegebedürftigen Angehörigen, mit Behinderungen oder in Regionen ohne nennenswerte reguläre Arbeitsplätze greifen zu Minijobs, weil es die einzige Möglichkeit ist, überhaupt etwas zum Familieneinkommen beizutragen, ohne komplett zusammenzubrechen.

Hätten diese Menschen echte Alternativen gehabt, faire Vollzeitstellen mit familienfreundlichen Zeiten, ausreichend Kinderbetreuung, bezahlbarem Wohnraum in der Nähe von Arbeitsplätzen, wären sie längst nicht mehr in diesem prekären Modell gefangen. Stattdessen wird ihnen jetzt unter dem Deckmantel „sozialer Verantwortung“ genau das letzte bisschen finanzieller Spielraum genommen, das sie noch hatten. Die CDU ignoriert diese Lebensrealität komplett und tut so, als wäre der Minijob eine freiwillige Lifestyle-Entscheidung und nicht das, was er für Millionen ist: der schmale Grat zwischen Überleben und Absturz. Stefan Nacke spricht dennoch von wirtschaftlicher Vernunft:

„Mit unserem Antrag zeigen wir, dass wir als Volkspartei beide Seiten im Blick haben: soziale Verantwortung und wirtschaftliche Vernunft.“

»Stefan Nacke | STERN«

Die wahre Rechnung: Weniger Netto, mehr Druck, weniger Jobs

Wer mehrere Minijobs stapelt, um über die Runden zu kommen, verliert durch die neuen Abgaben sofort Einkommen. Das Netto schrumpft, der Existenzkampf verschärft sich. Weiterbildung und „Perspektiven“ klingen nett, ändern aber nichts daran, dass viele Betroffene gar keine Vollzeitstelle finden, weil der Arbeitsmarkt sie nicht hergibt oder weil sie Kinder, Pflege oder andere Verpflichtungen haben.

Kleine und mittelständische Betriebe, die auf flexible Aushilfen angewiesen sind, beispielsweise Gastronomie, Einzelhandel oder Dienstleister, stehen vor höheren Kosten, mehr Bürokratie und teurerer Beschäftigung. Viele werden das Einstellen lassen, Stellen streichen oder Preise anheben. Das Resultat: weniger Beschäftigungsmöglichkeiten insgesamt.

Quelle: »Minijobzentrale | Quartalsbericht«

Der Staat kassiert mehr Beiträge von Niedrigverdienern, um den Sozialhaushalt zu stabilisieren, und verteilt das Geld dann weiter in die eigenen ideologischen Projekte. Menschen, die mit knappen Einkünften die Beiträge aufbringen, bekommen im Gegenzug weder echte Sicherheit noch höhere Löhne. Prekäre Arbeit endet nicht, sie wird nur teurer und für viele untragbarer. Die CDU drapiert den Vorstoß als sozialen Fortschritt. In Wirklichkeit handelt es sich um eine weitere Belastung der Schwächsten unter dem Deckmantel von Verantwortung – ein Etikettenschwindel, der Millionen Minijobber und unzählige kleine Unternehmen tiefer in die Bredouille treibt.


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Janine Beicht

Janine Beicht ist gelernte Kommunikationsdesignerin, arbeitet aber seit 2020 im Gesundheits- und Sozialwesen. Als Aktivistin engagiert sie sich besonders auf dem Gebiet der Psychologie unter dem Aspekt der jeweiligen politischen Machtinteressen.

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