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Blut an den Händen, Macht in den Händen: Die unfassbare Karriere des Genossen Hüber

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Als Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei warnte Sven Hüber zuletzt lautstark vor der AfD und erklärte Polizisten, was Verfassungstreue bedeute. Gleichzeitig holt ihn nun seine eigene Vergangenheit bei den DDR Grenztruppen ein. Ein politischer Moralapostel steht plötzlich selbst im grellen Licht der Geschichte.
Zusammengefasst

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»Am Mittwoch räumte Sven Hüber« mit sofortiger Wirkung den Posten des stellvertretenden Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei. Der Erste Polizeihauptkommissar, langjährige Personalratsvorsitzende der Bundespolizei und Vertraute der früheren Innenministerin Nancy Faeser wollte die Organisation aus einer Debatte ziehen, die er selbst als mediale Verunglimpfung rahmt, während ein Zeitzeuge unter Eid, Stasi-Akten und ein DDR Forscher ein anderes Bild zeichnen.

„Ich trete mit sofortiger Wirkung von meinem Amt zurück, weil es derzeit mehrere von mir angestrengte rechtliche und gerichtliche Prüfungen gegen erhobene mediale verunglimpfende und rufmordähnliche Vorwürfe vor meinem Dienst in der Bundespolizei und vor der GdP gibt.“

Der Rücktritt kam nicht aus heiterem Himmel. Er folgte auf »Recherchen von Apollo News« über Hübers Dienst als SED Politoffizier der DDR Grenztruppen in Ostberlin, über die Durchsetzung des Schießbefehls an einem der heikelsten Abschnitte der Berliner Mauer und über die behauptete Misshandlung eines festgenommenen Flüchtlings. »Hüber weist alles zurück und hat rechtliche und gerichtliche Prüfungen angekündigt«. »Er ließ seinen Anwalt mit einem sechsseitigen Schreiben antworten«, aus dem nicht zitiert und das nicht publizistisch genutzt werden darf. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP), die ihn schon zuvor bei zahlreichen rechtlichen Auseinandersetzungen schützte, »kündigt zugleich weiteres strafrechtliches und zivilrechtliches Vorgehen« gegen Urheber von aus ihrer Sicht falschen Behauptungen, Bedrohungen und verzerrten Veröffentlichungen an. So sieht Schadensbegrenzung aus, wenn eine Biografie nicht mehr hinter Anonymisierungswünschen und Klagedauerfeuer verschwindet. Die Geschichte beginnt nicht am Mittwoch. Sie beginnt am Todesstreifen.

Der Kanal duftet nach Westen, der Befehl roch nach Vernichtung

Am Britzer Verbindungskanal erinnert heute kaum noch etwas daran, dass hier einst die Berliner Mauer verlief. Die Natur hat die Grenzanlagen weitgehend überwuchert. Die wenigen verbliebenen Hinweise auf den Todesstreifen verschwinden zwischen Büschen und Bäumen. Selbst die Schilder der Stadt Berlin zur Vegetation sind auffälliger als die Erinnerung an die Menschen, die hier starben.

»An diesem Ort wurde Chris Gueffroy am 5. Februar 1989 erschossen«. Er war zwanzig Jahre alt.

Auf der anderen Seite des Kanals steht noch immer eine Fabrik von Jacobs Kaffee. Schon zu DDR Zeiten zog der Geruch aus dem Westen über das Wasser. Dahinter lag eine Welt, die für die meisten DDR-Bürger unerreichbar war. Für die Grenzsoldaten war sie buchstäblich zum Greifen nah und zugleich verboten.

Das ist der entscheidende Punkt: Die Berliner Mauer war kein selbständiges Unrecht. Beton schießt nicht. Stacheldraht entscheidet nicht. Es waren Menschen, die den Grenzapparat betrieben und bereit waren, Gewalt gegen Menschen anzuwenden, die das Land verlassen wollten. Genau deshalb reicht es nicht, die Verantwortung für das Grenzregime ausschließlich bei Honecker, Mielke und der politischen Führung der DDR abzuladen. Ein Staat besteht nicht nur aus seiner Spitze. Er funktioniert durch diejenigen, die Befehle ausführen, Strukturen sichern und staatliche Gewalt praktisch umsetzen.

»Das gilt auch für Sven Hüber«. Hüber war Angehöriger der DDR-Grenztruppen. Nach der Wiedervereinigung machte er Karriere und konnte unter anderem in die USA reisen. Millionen DDR-Bürger hatten diese Möglichkeit zu diesem Zeitpunkt nicht und viele sollten sie zu Lebzeiten niemals haben. »Hunderte Menschen starben beim Versuch, die DDR zu verlassen«.

Trotzdem ist die öffentliche Auseinandersetzung mit Hübers Vergangenheit bis heute von einer auffälligen Verschiebung geprägt. Nicht die Frage nach seiner konkreten Rolle steht im Mittelpunkt. Die richtige Frage lautet: Welche Verantwortung trug ein Mensch, der Teil dieses Grenzsystems war? Wer diese Frage nicht stellen will, landet zwangsläufig bei einer Geschichtsversion, in der die Berliner Mauer fast wie ein Naturereignis erscheint. Sie stand dann einfach da. Menschen starben an ihr. Irgendwie war das System schuld. Aber konkrete Verantwortliche gibt es nicht.

So funktioniert historische Aufarbeitung nicht. Die DDR war kein abstraktes Gebilde. Sie war ein Staat mit Institutionen, Behörden, Sicherheitsorganen und bewaffneten Einheiten. Der Schießbefehl wurde nicht von einer Mauer ausgeführt. Er wurde von Menschen umgesetzt. Und diese Menschen hatten Namen.

Hüber hat lange darauf bestanden, im Zusammenhang mit seiner DDR Vergangenheit anonymisiert zu werden. In seiner Darstellung erscheint seine damalige Tätigkeit auffallend weit entfernt von der tatsächlichen politischen Funktion der Grenztruppen. Die eigene Rolle wird verkleinert, während die Verantwortung der politischen Führung umso größer erscheint. Das ist ein bekanntes Muster der Aufarbeitung nach Diktaturen: Die Verantwortung wandert nach oben. Am Ende bleiben die großen Namen übrig und darunter entsteht eine breite Zone persönlicher Unverantwortlichkeit. Jeder war irgendwie dabei, aber niemand war wirklich verantwortlich. Gerade dagegen muss sich historische Aufarbeitung richten. Es geht dabei nicht darum, Sven Hüber mit Erich Honecker oder Erich Mielke gleichzusetzen. Eine solche Gleichsetzung wäre offensichtlich falsch. Es geht um etwas anderes: darum, die eigene Verantwortung nicht dadurch verschwinden zu lassen, dass man sich mit den größten Tätern der Diktatur vergleicht. »Hüber selbst formulierte diesen Gedanken« vor Gericht einmal so:

„Ich bin nicht Erich Honecker, ich bin nicht Erich Mielke! Das dienstgradärmste Schwein soll zum Schlachten vorgeführt werden.“

Der Satz ist deshalb bemerkenswert, weil er genau jene Verschiebung sichtbar macht. Natürlich war Hüber nicht Honecker und nicht Mielke. Aber daraus folgt nicht, dass seine eigene Rolle bedeutungslos gewesen wäre. Zwischen dem Staatschef einer Diktatur und dem völlig unbeteiligten Bürger existieren zahlreiche Verantwortungsstufen. Wer diese Unterschiede nicht anerkennt, verhindert Aufarbeitung.

Der Politoffizier übernahm die Kompanie, in der das Zögern als Gefahr galt

Kurz vor seinem Rücktritt hatte sich Hüber noch einmal in die Schlagzeilen gebracht, indem er in einem »kämpferischen Artikel« vor einer AfD-Machtergreifung warnte und Polizisten aufforderte, im Ernstfall Widerstand gegen den Dienstherrn zu leisten. Das stieß selbst in den eigenen Reihen auf Befremden und lenkte den Blick auf den Anfang dieser Laufbahn. »Die berufliche Laufbahn des politisch aktiven Beamten« nahm in der DDR ihren Anfang als SED Politoffizier bei den Grenztruppen in Ost Berlin. Später ging Hüber wiederholt juristisch gegen Journalisten und Historiker vor, die seine Tätigkeit in der DDR kritisch untersuchten.

»Apollo News | 𝕏«

Einer der Soldaten, die Hüber damals politisch betreuen sollte, war Axel Krause. Der aus Rostock stammende ehemalige Grenzsoldat lebt heute als Steuerberater in Berlin und spricht nach Jahrzehnten erstmals ausführlich über seine Erfahrungen.

»Apollo News | 𝕏«

Krause kam 1987 als Wehrpflichtiger zur dritten Grenzkompanie des Grenzregiments 33 in Berlin Treptow. Kurz darauf übernahm Hüber dort als frisch ausgebildeter Offizier die Funktion des stellvertretenden Kompaniechefs und Politoffiziers. Dessen Aufgabe bestand darin, die ideologische Ausrichtung der Soldaten im Sinne der SED sicherzustellen.

Gerade bei den Grenztruppen hatte diese politische Erziehung eine besondere Bedeutung. Die Soldaten sollten bereit sein, auf Menschen zu schießen, die das Land verlassen wollten. »Eine Stasi Analyse aus dem Jahr 1988 weist laut Apollo News« darauf hin, dass die Ostberliner Grenzregimenter 33 und 36 für einen erheblichen Teil der Fluchtversuche in der DDR zuständig waren. Zugleich registrierte die Staatssicherheit Verunsicherung und mögliche Hemmungen der Soldaten beim Einsatz der Schusswaffe.

Als Gegenmaßnahme empfahl sie verstärkte politische Erziehung und die Vermittlung eines konkreten Feindbildes. Ziel war es, die politische Wachsamkeit und Standhaftigkeit der Grenzsoldaten zu erhöhen.

Damit war Hüber nicht an irgendeinem Abschnitt der Grenze eingesetzt. Sein Regiment gehörte zu den zentralen Bereichen des DDR-Grenzsystems. Die politische Indoktrination der Soldaten war dort Teil einer konkreten Strategie zur Durchsetzung des Grenzregimes. Hüber weist diese Darstellung zurück. Krause hingegen sieht in seiner damaligen Tätigkeit eine gezielte ideologische Vorbereitung der Soldaten auf ihre Aufgabe an der Grenze.

Heute begründet Krause seine Aussagen nicht mit persönlicher Abrechnung. Ihm gehe es darum, an die Folgen des DDR-Systems zu erinnern und eine Wiederholung solcher Zustände zu verhindern. Seine Motivation fasst er in einem Satz zusammen:

„Denn ich möchte solche Zustände nie wieder haben.“

Die alte Formel blieb bestehen

»Im Gespräch mit Apollo News berichtet Krause zudem«, dass Hüber während der täglichen Vergatterung mit den Soldaten über den Schießbefehl sprach. 1988 sollte dessen Wortlaut entschärft werden. Die ursprüngliche Vergatterungsformel lautete:

„Grenzverletzer sind aufzuspüren, festzunehmen oder zu vernichten.“

Aus dem ursprünglichen Satz wurde die Vorgabe, einen „Grenzdurchbruch durch den Einsatz der Schusswaffe“ zu verhindern. Nach Krauses Erinnerung diskutierte Hüber die Änderung mit den Soldaten, hielt jedoch am alten Begriff „vernichten“ fest. Er habe erklärt, dieser sei weiterhin gerechtfertigt, und die ursprüngliche Formel deshalb weiter verwendet.

Die politische Erziehung beschränkte sich damit nicht auf Schulungen. Sie prägte den Dienstalltag. Zögern beim Schusswaffeneinsatz galt als Versagen, Mitleid mit Flüchtenden als Schwäche. Die Sprache war Teil des Systems, mit dem die Soldaten auf ihre Aufgabe an der Grenze vorbereitet wurden.

Zwei Fehlschüsse und eine öffentliche Degradierung

Besonders deutlich zeigte sich der Druck auf die Grenzsoldaten, wenn sie einem Flüchtenden nicht trafen. »Krause berichtet von einem Gefreiten«, der innerhalb weniger Monate zweimal auf einen Flüchtling schoss und beide Male verfehlte. Seine Erinnerungen lassen sich anhand von Stasi-Unterlagen und zeitgenössischen Berichten nachvollziehen.

Der erste Vorfall ereignete sich am 27. Januar 1988. Zwei junge Männer im Alter von 20 und 23 Jahren überwanden gegen 0.45 Uhr an der Heidelberger Straße die Grenzanlagen und erreichten West Berlin. Die Grenzsoldaten eröffneten das Feuer, trafen sie jedoch nicht tödlich. Krause war nach eigenen Angaben in der Nähe eingesetzt. Der verantwortliche Postenführer wurde noch in derselben Nacht von der Stasi zum Verhör gebracht und kehrte erst Tage später zur Kompanie zurück.

Am 19. April 1988 wiederholte sich der Vorgang. Ein 31 Jahre alter Gebäudereiniger überwand gegen 4.43 Uhr bei der Treptower Kleingartenkolonie Sorgenfrei mit einer Leiter die Grenzanlagen und gelangte nach Westberlin. Zwei Grenzsoldaten feuerten insgesamt 18 Schüsse ab, ohne ihn zu treffen.

Ein Bericht der Stasi-Hauptabteilung I hielt anschließend ausdrücklich fest, der Postenführer habe bei der Anwendung der Schusswaffe gezögert. Der Grenzdurchbruch sei bei einer „zügigen und exakten Anwendung der Schußwaffe“ vermeidbar gewesen.

Nach Krauses Erinnerung wurde der Gefreite anschließend etwa zwei Wochen aus der Kompanie entfernt. Bei seiner Rückkehr soll Hüber ihn vor rund 200 bis 300 Soldaten öffentlich degradiert und als „Verräter“ bezeichnet haben. Dabei habe er ihm die Schulterstücke abgerissen und ihm angedroht, er müsse mit bis zu fünf Jahren Militärgefängnis rechnen.

„Dann habe Hüber in Richtung der anwesenden 200 bis 300 Kompanieangehörigen gesagt, dass es sich um einen Verräter handele, der mit bis zu fünf Jahren Militärgefängnis zu rechnen habe.“

Die Stasi bewertete den Vorfall ebenfalls nicht als Ausdruck menschlicher Hemmung, sondern als Versagen bei der Durchsetzung des Grenzregimes. In ihrem Bericht heißt es:

„Insgesamt kann eingeschätzt werden, daß bei zügiger und exakter Anwendung der Schußwaffe der Grenzdurchbruch hätte verhindert werden können.“

Festgenommen und fixiert, dann soll Hüber zugeschlagen haben

»Krause schildert einen weiteren Vorfall« aus seiner Zeit bei den Grenztruppen. In der Nähe vom Teltowkanal und Britzer Zweigkanal habe ein Flüchtling nachts die erste Sperre überwunden, sei anschließend jedoch von einem Nachbarposten festgenommen und zu Boden gebracht worden. Ein Schuss sei nicht gefallen.

Nach Krauses Darstellung wurde Hüber als Vorgesetzter zum Ort gerufen. Er sei mit einem Trabant eingetroffen, habe seine Pistole gezogen und sich zu dem bereits fixierten Mann gekniet. Was anschließend genau geschah, habe Krause wegen der anderen anwesenden Soldaten nicht vollständig sehen können.

Später habe ihm ein Kamerad im Transporter von einem Vorfall berichtet. Als ein Stasi-Transporter eintraf, um den Gefangenen abzuholen, soll Hüber ihm dreimal ins Gesicht getreten haben. Krause erklärt in einer eidesstattlichen Versicherung, diese Tritte selbst gesehen zu haben. Krause gibt zudem die Aussage eines Kameraden wieder, der ihm nach dem Vorfall fassungslos berichtet habe:

„Der hat dem die Pistole in den Mund gesteckt, und der hat sich dabei eingenässt, der Gefangene.“

»Der Historiker Hubertus Knabe konnte nach eigenen Angaben« einzelne Angaben Krauses anhand von Stasi-Unterlagen überprüfen. Er hält dessen Schilderungen für glaubwürdig und in wesentlichen Punkten durch die Akten gestützt.

„Die Schilderungen des Zeitzeugen Axel Krause kommen mir sehr glaubwürdig vor. Einige konnte ich bereits anhand von Stasi-Unterlagen überprüfen. Sie bestätigen im Wesentlichen seine Darstellung. Bei anderen warte ich noch auf Rückläufe aus den Archiven. Insgesamt wirken seine Schilderungen auf mich ehrlich und nachvollziehbar.“

Knabe betont ausdrücklich, dass er die Pistolenszene nicht als eigene Beobachtung Krauses bestätigen könne. Seine Einschätzung bezieht sich auf die Glaubwürdigkeit des Zeugen und jene Teile seiner Darstellung, die sich bereits mit Stasi-Unterlagen abgleichen ließen.

Von der DDR Grenze in den Staatsdienst

Nach der Wiedervereinigung setzte Hüber seine berufliche Laufbahn im Staatsdienst fort und stieg dort weiter auf. Aus dem SED-Politoffizier der DDR-Grenztruppen wurde ein Beamter der Bundespolizei.

Gerade deshalb wirft seine Vergangenheit Fragen auf. Gegen Hüber stehen Vorwürfe, die von politischer Indoktrination von Grenzsoldaten bis hin zu einer mutmaßlichen Misshandlung eines bereits festgenommenen Flüchtlings reichen. Zugleich tritt er nun öffentlich als Verteidiger demokratischer Institutionen und entschiedener Gegner der AfD auf.

Der Widerspruch liegt auf der Hand: Wer heute politische Moral predigt, muss sich auch an der eigenen politischen Vergangenheit messen lassen. Das gilt umso mehr, wenn diese Vergangenheit mit einem staatlichen Repressionsapparat verbunden war.

Die Führungsebene setzt damit offensichtlich die falschen Prioritäten. Wenn die politische Kontrolle und Beobachtung der eigenen Bürger wichtiger genommen wird als die Aufarbeitung belasteter Biografien in den eigenen Reihen, wirft das ein grundlegendes Problem auf. Ein Staat, der bei tatsächlichen Altlasten des Unrechtsstaates wegschaut, während er zugleich mit großem Aufwand gegen politische Gegner und Regierungskritiker vorgeht, verliert seine moralische Glaubwürdigkeit.

Ausgerechnet jene Funktionäre, die früher den Grenztrieb der Willkür festigten, traten zuletzt als selbstgerechte Demokratieoberlehrer in der Öffentlichkeit auf. So schwang sich der Gewerkschaftsfunktionär in einem medienwirksamen Pamphlet zum Moralhüter auf und polterte allen Ernstes gegen gewählte Oppositionsparteien, »indem er verkündete«:

„Verfassungsfeinde, egal welcher politischen oder religiösen Schlagrichtung, können von Polizistinnen und Polizisten niemals goutiert werden, weil das dem geleisteten Eid widerspricht. Wer seinen geleisteten Eid ernst nimmt, kann gar nicht anders: No Go mit der AfD! Polizisten können kraft ihres abgelegten Eides keine verfassungsfeindliche Partei wählen, diese unterstützen, oder dort mitmachen!“

Dass ausgerechnet ein früherer SED-Politoffizier, heute als verfassungstreuer Schutzpatron firmiert, setzt der Heuchelei die Krone auf. Sein später Rücktritt von den Gewerkschaftsämtern ändert nichts an der Verkommenheit einer politischen Nomenklatur, die solchen Existenzen jahrzehntelang Türen und Tore öffnete.

Das Amt ist leer, die Vergangenheit ist es nicht

Am Mittwoch zog Hüber die Reißleine. Die Entscheidung folgte nach intensiven Gesprächen mit dem GdP-Bundesvorsitzenden Jochen Kopelke. Der geschäftsführende Bundesvorstand und der Bundeskontrollausschuss wurden informiert. Hüber übergab gewerkschaftliche Zuständigkeitsbereiche und sämtliche Tätigkeiten mit sofortiger Wirkung.

Hüber ist weg vom Amt und trotzdem nicht aus der Geschichte. Die Stasi-Papiere zu den Fehlschüssen, zur Zögerlichkeit am Kolonnenweg, zum Hauptkampfraum der Regimenter 33 und 36 und zur erzieherischen Arbeit gegen Angst vor der eigenen Waffe liegen auf dem Tisch. Der Anwalt darf alles bestreiten und zugleich verbieten, das Bestreiten im Wortlaut zu zitieren. Der Funktionär darf rufmordähnlich rufen, nachdem er selbst jahrzehntelang andere mit Verfahren überzogen hat. Der Staat darf wegsehen, solange der Mann nützlich war, Personalrat spielte, Gewerkschaft machte und die richtige Feinderklärung gegen rechts lieferte. Die Berliner Mauer war kein Wetterereignis. Sie war Befehl, Erziehung, Demütigung, Tritt, Pistole, Barkas, Appellplatz. Wer das fast vierzig Jahre später noch immer in Nebel hüllt, schützt nicht den Frieden, sondern die Täterlogik. Der Rücktritt mit sofortiger Wirkung ändert daran nichts. Er bestätigt nur, dass die Vorwürfe schwer genug waren, um einen der einflussreichsten Polizeigewerkschafter dieses Landes aus dem Amt zu drücken, und dass derselbe Mann trotzdem darauf besteht, die Last auf Medien, Zeugen und Historiker zu schieben. Die Aufarbeitung kommt spät. Sie kommt trotzdem. Denn wer den Schießbefehl als Tanzveranstaltung erzählt, hat die Opfer ein zweites Mal entsorgt.

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Janine Beicht

Janine Beicht ist gelernte Kommunikationsdesignerin, arbeitet aber seit 2020 im Gesundheits- und Sozialwesen. Als Aktivistin engagiert sie sich besonders auf dem Gebiet der Psychologie unter dem Aspekt der jeweiligen politischen Machtinteressen.

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