Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat in den vergangenen Monaten eine klare Botschaft wiederholt in die Republik gesendet: Die Deutschen arbeiten zu wenig, zu ineffizient und zu lasch. Der Wohlstand des Landes stehe auf dem Spiel, wenn man weiterhin an Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance festhalte. »Bereits im Mai des vergangenen Jahres« beleidigte er die Arbeitnehmer; nun wiederholte er dies erneut. In einer Rede vor der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau formulierte der Kanzler seinen Vorwurf dabei besonders scharf.
„Insgesamt ist die Arbeitsleistung unserer Volkswirtschaft nicht hoch genug. […] Um es noch deutlicher zu sagen: Mit Work-Life-Balance und Vier-Tage-Woche lässt sich der Wohlstand unseres Landes, den wir heute haben, in Zukunft nicht erhalten – und deswegen müssen wir mehr arbeiten.“
»Friedrich Merz | N-TV«
Er verwies dabei auf die Schweiz, wo die Menschen im Jahresschnitt rund 200 Stunden mehr leisteten, ohne dass genetische Unterschiede dies erklären könnten. Die Arbeitskosten in Deutschland seien viel zu hoch; mehr Leistung durch Mehrarbeit sei der einzige realistische Weg, sie zu senken.
Die Statistik spricht eine andere Sprache – oder doch nicht?
Die offiziellen Zahlen zeichnen ein ambivalentes Bild: Laut OECD-Daten und einer 2025 veröffentlichten »Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft« lagen die durchschnittlich geleisteten Jahresarbeitsstunden je Einwohner im erwerbsfähigen Alter (15–64) 2023 bei nur 1036 Stunden. Zum Vergleich: Griechen kommen auf 1172 Stunden, Polen auf 1304 Stunden, Neuseeländer sogar auf über 1390 Stunden. Die wöchentliche Arbeitszeit der Deutschen liegt bei etwa 34,3 bis 34,4 Stunden, deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 36,8 bis 36,9 Stunden.
Doch genau hier beginnt die eigentliche Polemik. Während der Kanzler die Bevölkerung zu mehr Fleiß auffordert, genießt das politische Berlin selbst Privilegien, die jeder normale Arbeitnehmer nur aus dem Katalog kennt. Die parlamentarische Sommerpause im Bundestag dauert in der Regel zwei volle Monate, von Juli bis August, ohne Plenarsitzungen. In der Mitteilung des Deutschen Bundestages heißt es lapidar:

Zwar sollen Abgeordnete in dieser Zeit Wahlkreisarbeit leisten, doch die Arbeit im Parlament als ihr Kernjob ruht. Vom hohen moralischen Ross, auf dem der Kanzler sitzt, wirkt das wie blanker Hohn.
Der Krankenstand – Symptom oder bequeme Sündenbock-Debatte?
Merz geht noch weiter und nimmt den Krankenstand ins Visier. Im Schnitt kämen Beschäftigte auf 14,5 bis 14,8 Krankentage pro Jahr. Bei der Veranstaltung in Bad Rappenau fragte Merz ernsthaft:
„Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“
»Friedrich Merz | WeLT«
MERZ will, dass „WIR“ wieder mehr arbeiten und Kranke nicht mehr solange krank sind.
— Georg Pazderski (@Georg_Pazderski) January 18, 2026
DERWEIL gibt es 3 Millionen Arbeitslose, die Sozialhilfe kassieren, knapp 40% davon sind Ausländer.
Aber MERZ beklagt lieber, dass arbeitende Menschen zu oft krank sind und zu wenig arbeiten. pic.twitter.com/gQRmqt2W6H
»Georg Pazderski | 𝕏«
Der Koalitionspartner SPD und frühere Gesundheitsminister widersprechen scharf. Tanja Machalet (SPD), Vorsitzende des Gesundheitsausschusses, erklärte gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND):
„Ich empfehle Herrn Merz, mal ein paar Tage den Dienstwagen zu verlassen und sich in die betriebliche Realität zu begeben, anstatt immer wieder die Mär zu verbreiten, die Deutschen seien zu bequem zum Arbeiten.“
»Tanja Machalet | RND«
Karl Lauterbach (SPD) warnte vor „Gängelei der Kranken“ und plädierte für Prävention statt Misstrauen. Krankenkassen wie die »AOK und DAK betonen«: Der Anstieg der Fehltage seit 2021 hänge vor allem mit der vollständigeren elektronischen Erfassung zusammen, nicht mit Missbrauch durch Telefon-AUs. Studien finden ebenfalls keinerlei Anzeichen für einen systematischen Missbrauch.
Berlin: Wo der Staat sich selbst am längsten krankschreibt
Während Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) die arbeitende Bevölkerung mit scharfen Vorwürfen über zu wenig Fleiß, zu hohe Krankenstände und mangelnde Effizienz überzieht, richtet er den Blick konsequent weg von dem öffentlichen Dienst auf höchster Ebene. Stattdessen zielt er auf die Millionen Beschäftigten in Industrie, Handwerk, Pflege und Handel ab, die den Laden trotz aller Belastungen tatsächlich am Laufen halten. Die Heuchelei wird besonders greifbar, wenn man die extremen Fehlzeiten im Berliner Beamtensektor betrachtet: Ausgerechnet in der Hauptstadt, wo die Politik sitzt und predigt, fehlen die Staatsdiener im Schnitt deutlich länger als der Rest Republik.
»Beschäftigte im Berliner öffentlichen Dienst« fehlen im Schnitt 36,8 Kalendertage pro Jahr. Das sind umgerechnet mehr als fünf Wochen. Damit liegen Berlins Beamte bundesweit an der Spitze. Im Bezirk Mitte summieren sich die Ausfälle auf 46,5 Tage, bei der Parkraumbewirtschaftung sogar auf über 77 Tage, bei Polizei und Feuerwehr auf mehr als 40 Tage.
Der wahre Skandal: Nicht zu wenig Arbeit, sondern zu viel Staat
Der Kern der Kritik an Merz‘ Kampagne liegt tiefer. Mehr Stunden zu fordern, während der Staat die Menschen mit Abgabenlast, Bürokratie, hohen Energiepreisen und Transferfallen stranguliert, wirkt zynisch. Mehrarbeit lohnt sich für die breite Mitte kaum, Überstunden werden durch Steuern und Abzüge halbiert. Wohlstand entsteht historisch nicht durch immer längere Arbeitszeiten, sondern durch Produktivität, Innovation und weniger Aufwand für mehr Ertrag.
Die Politik selbst müsste endlich arbeiten: Sozialstaat radikal reformieren, Steuern senken, Bürokratie massiv abbauen, Energiepreise drücken. Dann würde sich Leistung wieder lohnen, ohne dass man die Bürger wie faules Zahlvieh behandeln muss. Bis dahin bleibt der Eindruck: Die da oben predigen Wasser, saufen aber den teuersten Wein – und das zwei Monate lang, bezahlt vom Steuerzahler. Goethe brachte es auf den Punkt:
„Der Worte sind genug gewechselt. Laßt mich auch endlich Taten sehn!“
»Johann Wolfgang von Goethe«