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Venezuela und Grönland
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Venezuela und Grönland: Warum Trump die eigenen Werte verrät

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Markus Haintz
Politische Anbetung unter roter und schwarzer Flagge
Philipp Ruch
In Venezuela und verstärkt beim Thema Grönland drehen die USA das Rad der Geschichte zurück – Erpressung, Annexionsträume und politische Entführungen sind die Schlagworte einer Administration, die beginnt, ihre eigenen Werte zu verraten.
Zusammengefasst

Am 25. Oktober 1970 ließ die CIA General René Schneider »ermorden«. Der Sozialist galt als aussichtsreichster Kandidat, der nächste Präsident in seiner Heimat Chile zu werden. Doch das war nicht im Sinne der damaligen US-amerikanischen Administration. Allen voran »Henry Kissinger«, ebenso wie Schneider deutschstämmig, der zu diesem Zeitpunkt auf dem Posten des Secretary of State saß. Dieser wird mit der deutschen Übersetzung „Nationaler Sicherheitsberater“ nur ungenügend beschrieben, hat er doch eine Machtfülle, die weit über das bloße „Beraten“ hinausgeht. Die Ermordung Schneiders war die Vorbereitung der Schreckensherrschaft Pinochets drei Jahre später, die erst im Jahr 1990 und nach schätzungsweise »40.000 Opfern« ein Ende fand.

Mehr als 45 Jahre später sorgt der aktuelle US-Präsident dafür, dass der venezolanische Staatschef Nicolás Maduro seinen Job verliert, indem er von Spezialeinheiten nach New York verschleppt wurde. Konkret bedeutet das: Die USA mischen sich wieder einmal konkret in die Belange anderer Länder ein. Sie erklären Maduro zum kriminellen Akteur, stützen offen seine Gegner und beanspruchen zugleich das Recht, ihn vor ein US-Gericht zu zerren. Das Vorgehen wird als Akt der Gerechtigkeit verkauft, ist in Wahrheit aber ein machtpolitischer Zugriff.

Dabei muss man eines klar sagen: Maduro ist ein Gangster. Er regiert repressiv, korrupt und brutal. Spätestens seit der manipulierten Wahl 2024 ist der Sozialist de facto illegitim im Amt. Dass viele Exil-Venezolaner Trump dafür feiern, ist nachvollziehbar und würde jeder freiheitlich denkende Mensch so tun. Für sie ist jeder Schlag gegen Maduro ein Hoffnungsschimmer, so wie das Ende eines jeden Sozialisten für jedes Volk eine gute Sache darstellt. Dennoch bleibt die Kritik zwingend. Die Aktion ist ein massiver Eingriff in die staatliche Souveränität Venezuelas. Und genau hier liegt der zentrale Widerspruch.

Staaten als Verhandlungsmasse

Westliche Werte beinhalten auch, den Individualismus zu schützen und jedem Menschen möglich zu machen. Genau dies bricht Trump, denn Individualismus gilt auch für Staaten. Ein Staat ist viel mehr als sein jeweiliger Machthaber, der nur temporär ist, bis er – hoffentlich zumindest – abgewählt wird. Wer fremde Regierungen nach Belieben aus dem Amt entfernt, verabschiedet sich von dem Prinzip, das er vorgibt zu verteidigen. Beim Thema Venezuela kann man darüber noch streiten, und ich kann Teile der Gegenargumente wie die Enteignung US-Konzerne durchaus nachvollziehen.

Anders liegt der Fall bei Grönland. Was Trumps Annexionsträume gegenüber Grönland angeht, gibt es kaum zwei Meinungen. Das Bestreben ist falsch, weil es nicht auf Partnerschaft, sondern auf gewaltsamen Zugriff beruht. Grönland ist kein Immobilienobjekt in Manhattan oder Atlanta, das man kaufen, tauschen oder politisch unter Druck setzen kann. Dass Trump offen über eine Übernahme spricht, ist nicht nur politisch infantil und plump, sondern vor allem strategisch gefährlich. Entscheidend ist jedoch etwas anderes: Der Westen kann nicht glaubwürdig Selbstbestimmung predigen und gleichzeitig anfangen, Territorien von Staaten wie Verhandlungsmasse zu behandeln.

Es ist Zeit, dass Deutschland eigenständig agiert 

Doch die Spitze dieses albernen Don-Corleone-Stücks für Bitterarme ist, dass Trump inzwischen »allen Nationen mit Strafzöllen« droht, sollten sie seine Annexionsträume nicht unterstützen. Hier handelt es sich um Erpressung der besonderen Art. Wer nicht mitmacht, wird wirtschaftlich bestraft. Wer zustimmt, bekommt Ruhe. Dieses geopolitische Schweigegeld wird Ihnen von den USA im Jahr 2026 präsentiert. Jedes Land sollte sich fragen, ob es sich darauf einlassen will – außer es steht inhaltlich tatsächlich an der Seite der USA. Dann würden mich allerdings glaubhafte Argumente hierfür interessieren, die ich bis heute noch nicht gehört habe.

Das eigentliche Problem liegt inzwischen woanders. Mit vielen deutschen Trump-Fans ist kaum noch zu reden. Sehr wahrscheinlich ist Trump im Vergleich zu Kamala Harris der bessere Präsident. Dennoch muss kritisiert werden, was zu kritisieren ist, gerade wenn man grundsätzlich proamerikanisch eingestellt ist. Kadergehorsam und blinde Solidarität führen früher oder später in den selbstgewählten Abgrund. Und genau an diesem Punkt schließt sich der Kreis zum 25. Oktober 1970. Auch damals war man in Washington überzeugt, im Namen einer höheren Ordnung zu handeln. Auch damals glaubte man zu wissen, was für ein anderes Land besser sei. Der Mord an René Schneider war Ausdruck eines Denkens, das Souveränität nur dann gelten lässt, wenn sie den eigenen Interessen nicht im Weg steht.

Am Ende, das sollte spätestens jetzt klar sein, und das betont Trump richtigerweise selbst immer wieder, muss Deutschland – wie jedes andere Land – eigenständig sein und souveräne Entscheidungen treffen. Das ist vielleicht die einzige wertvolle Botschaft aus diesen wenig erbaulichen Zeiten.

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Julian Marius Plutz

Julian Marius Plutz ist 1987 geboren und Publizist, u.a. für Ansage, Weltwoche, Sandwirt und die Jüdische Rundschau. Zu seinen Themenschwerpunkten gehören neben dem politischen Zeitgeschehen: Ökonomik, jüdisches Leben und die LGBTQ-Ideologie.

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